German Fairy Tales for Practice

We have compiled 11 popular German fairy tales for you to practice your German.

Table of Contents


Der Froschkönig

oder der eiserne Heinrich

 
"Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spielzeug wieder erblickte."
 
anfangen (ä; i, a) - begin

aufheben (o, o) - pick up

aufmachen - open

r Brunnen (-) - well

denken (dachte, gedacht) - think

r Edelstein (-e) - jewel

eisern (adj.) - iron erblicken - catch sight of, see

fallen (ä; fiel, a) - fall

fangen (ä; i, a) - catch

r Frosch (-e) - frog

golden - golden

holen - go get, fetch

jemand - someone

r König (-e) - king

e Krone (-n) - crown

e Kugel (-n) - ball; bullet

nahe bei (w/ dat.) - near

e Perle (-n) - pearl

quaken - quack; croak

s Schloß (¨-sser) - castle; lock

r Spielkamerad (-en, -en) - playmate

s Spielzeug (-e) - toy

e Stimme (-n) - voice

tief - deep

verschwinden (a, u) - disappear

versprechen (i; a, o) - promise

weinen - cry

werfen (i; a, o) - throw

In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter alle schön waren, aber die jüngste war so schön, daß die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen. Wenn nun der Tag sehr heiß war, so ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens, und wenn sie Langeweile hatte, so nahm sie eine große Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder; und das war ihr liebstes Spiel.
das Wünschen: wishing 
dessen: (genitive of relative pronoun) whose
die Sonne selber: the sun itself 
sich verwunderte: was amazed  
sooft: as often as 
Gesicht: face 
lag: lay dunkel: dark
Linde: linden tree
so: (untranslated following wenn-clause)  
setzte sich: sat down  
Rand: edge
Langeweile hatte: was bored 
in die Höhe: up
liebstes: favorite

 

Nun trug es sich einmal zu, daß die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern vorbei auf die Erde schlug und geradezu ins Wasser hineinrollte. Die Königstochter folgte ihr mit den Augen nach, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war so tief, daß man keinen Grund sah. Da fing sie an zu weinen und weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten. Und wie sie so klagte, rief ihr jemand zu: "Was hast du vor, Königstochter, du schreist ja, daß sich ein Stein erbarmen möchte."

Sie sah sich um, woher die Stimme käme, da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken häßlichen Kopf aus dem Wasser streckte. "Ach, du bist's, alter Wasserpatscher", sagte sie. "Ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinabgefallen ist."

trug es sich zu: it happened
Händchen = kleine Hand 
gehalten hatte: had held 
vorbei auf die Erde schlug: missed and hit the ground 
geradezu: straight 
hineinrollte: rolled in 
folgte ihr mit den Augen nach: followed it with her eyes 
Grund: bottom 
immer lauter: louder and louder 
sich trösten: cheer up 
klagte: complained 
rief ihr zu: called to her 
Was hast du vor? - What are you up to? schreist: scream 
sich erbarmen möchte: would take pity 
dick: fat 
häßlich: ugly 
streckte: stretched
du bists: it's you 
Wasserpatscher: water splasher
hinabgefallen ist: fell down

 

"Sei still und weine nicht", antwortete der Frosch, "ich kann dir wohl Rat schaffen. Aber was gibst du mir, wenn ich dein Spielzeug wieder heraufhole?"

"Was du haben willst, lieber Frosch", sagte sie, "meine Kleider, meine Perlen und Edelsteine, auch noch die goldene Krone, die ich trage."

Der Frosch antwortete: "Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine und deine goldene Krone, die mag ich nicht. Aber wenn du mich lieb haben willst, und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen: wenn du mir das versprichst, so will ich hinuntersteigen und dir die goldene Kugel wieder heraufholen."

Sei still: Be quiet
Rat schaffen: help
heraufhole: get and bring up
lieber: dear 
Kleider: clothes
die mag ich nicht: I don't want them 
lieb haben: like 
Geselle: companion
Tellerlein: plate  
Becherlein: cup (one can usually disregard the diminutive suffixes -chen and -lein when translating the Grimms' fairy tales into English) 
will: (in these stories, forms of wollen often act as future-tense indicators) 

 

"Ach, ja," sagte sie, "ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir die Kugel wiederbringst." Sie dachte aber: "Was der einfältige Frosch schwätzt, der sitzt im Wasser bei seinesgleichen und quakt, und kann keines Menschen Geselle sein."

Der Frosch, als er die Zusage erhalten hatte, tauchte seinen Kopf unter, sank hinab, und über ein Weilchen kam er wieder heraufgerudert, hatte die Kugel him Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spielzeug wieder erblickte, hob es auf und sprang damit fort. "Warte, warte", rief der Frosch, "nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du." Aber was half ihm, daß er sein quak quak so laut nachschrie, als er konnte! Sie hörte nicht darauf, eilte nach Haus und hatte bald den armen Frosch vergessen, der wieder in seinen Brunnen hinabsteigen mußte.

wiederbringst: bring back 
dachte: thought 
Was: (here) How 
einfältig: simple-minded 
schwätzt: babbles  
bei seinesgleichen: with his own kind 
keines Menschen: no man's
Zusage: acceptance 
erhalten hatte: had received 
tauchte seinen Kopf unter: submerged his head 
über ein Weilchen: a little while later 
kam heraufgerudert: came paddling up  
Maul: (animal's) mouth
sprang damit fort: hurried off with it
nimm mich mit: take me along
quak quak: croak croak 
nachschrie: yelled after her 
als: In the fairy tales, als is often used instead of wie in equal comparisons 
Sie hörte nicht darauf: She didn't listen 
eilte: hurried

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Wie schön war die schöne Königstochter?

2. Hatte der König auch andere Töchter?

3. Wohin ging die Königstochter gerne?

4. Was war ihr Lieblingsspiel?

5. Was geschah einmal, als sie mit der Kugel spielte?

6. Warum holte das Mädchen nicht selbst die Kugel aus dem Brunnen?

7. Wer bot ihr Hilfe an?

8. Was wollte sie dem Frosch für seine Hilfe geben?

9. Was mußte sie dem Frosch versprechen?

10. Gelang es dem Frosch, die Kugel wieder heraufzubringen?

11. Was machte die Königstochter, als sie ihr Spielzeug wieder erblickte?

12. Was sagte der Frosch dazu?

13. Hat es geholfen?

 
angst sein (w/ dat.) - be afraid

anrühren - touch

befehlen (ie; a, o) - command

damit - so that

draußen - outside

endlich - finally

sich fürchten vor (w/ dat.) - be afraid of

s Herz (-ens, -en) - heart

hüpfen - hop

klopfen - knock; beat

oben - upstairs

plitsch platsch - splish splash

rein - clean; pure

r Riese (-n, -n) - giant

satt - full (satiated)

schieben (o, o) - shove

schmecken - taste

r Stuhl (¨-e) - chair

r Teller (-) - plate

e Treppe (-n) - stairway; stair

verlangen - ask for, demand

Am anderen Tage, als sie mit dem König und allen Hofleuten sich zur Tafel gesetzt hatte und von ihrem goldenen Tellerlein aß, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe heraufgekrochen, und als es oben angelangt war, klopfte es an der Tür und rief: "Königstochter, jüngste, mach mir auf."

Sie lief und wollte sehen, wer draußen wäre. Als sie aber aufmachte, so saß der Frosch davor. Da warf sie die Tür hastig zu, setzte sich wieder an den Tisch, und ihr war große angst. Der König sah wohl, daß ihr das Herz gewaltig klopfte, und sprach: "Mein Kind, was fürchtest du dich, steht etwa ein Riese vor der Tür und will dich holen?"

Am anderen Tage: On the next day
Hofleute: courtiers 
Tafel: table
Marmor: marble 
kam heraufgekrochen: came crawling up 
angelangt war: had arrived
wäre: could be
warf sie die Tür hastig zu: she slammed the door quickly
gewaltig: powerfully
was: (wovor)
etwa: perhaps

"Ach, nein", antwortete sie, "es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch."

"Was will der Frosch von dir?"

"Ach, lieber Vater, als ich gestern im Wald bei dem Brunnen saß und spielte, da fiel meine goldene Kugel ins Wasser. Und weil ich so weinte, hat sie der Frosch wieder heraufgeholt, und weil er es durchaus verlangte, so versprach ich ihm, er sollte mein Geselle werden. Ich dachte aber nimmermehr, daß er aus seinem Wasser heraus könnte. Nun ist er draußen und will zu mir herein."

garstig: nasty
durchaus: absolutely 
sollte: would
nimmermehr: by no means
 

 

Indem klopfte es zum zweiten Mal und rief:

"Königstochter, jüngste,

mach mir auf.

Weiß du nicht, was gestern

du zu mir gesagt

bei dem kühlen Brunnenwasser?

Königstochter, jüngste,

mach mir auf."

Da sagte der König: "Was du versprochen hast, das mußt du auch halten; geh nur und mach ihm auf."

indem = indessen: meanwhile 
rief: called
was gestern du...: (unusual word ascribable to poetic license)
halten: (here) do

 

Sie ging und öffnete die Tür, da hüpfte der Frosch herein, ihr immer auf dem Fuße nach, bis zu ihrem Stuhl. Da saß er und rief: "Heb mich herauf zu dir."

Sie zauderte, bis es endlich der König befahl. Als der Frosch erst auf dem Stuhl war, wollte er auf den Tisch, und als er da saß, sprach er: "Nun schieb mir dein goldenes Tellerlein näher, damit wir zusammen essen."

Das tat sie zwar, aber man sah wohl, daß sie’s nicht gerne tat. Der Frosch ließ sich's gut schmecken, aber ihr blieb fast jedes Bißlein im Halse.

Endlich sprach er: "Ich habe mich satt gegessen und bin müde. Nun trag mich in dein Kämmerlein und mach dein seiden Bettlein zurecht, da wollen wir uns schlafen legen."

Die Königstochter fing an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie nicht anzurühren getraute, und der nun in ihrem schönen reinen Bettlein schlafen sollte.

ihr immer auf dem Fuße nach: right at her heels
zauderte: hesitated
zwar: it is true
ließ sichs gut schmecken = ließ es sich gut
schmecken: ate heartily 
ihr blieb fast jedes Bißlein im Halse: almost every bite stuck in her throat
Kämmerlein: little bedroom  
seiden: silk 
mach zurecht: get...ready  
da wollen wir uns chafed legen: we are going to lie down and sleep
getraute: dared
 

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Was geschah am anderen Tag, als die Königs- tochter und ihr Vater am Tisch saßen?

2. Was sah das Mädchen, als sie dieTür aufgemacht hatte?

3. Was machte sie, als sie den Frosch sah?

4. Wie wußte der König, daß seine Tochter Angst hatte?

5. Was erzählte das Mädchen ihrem Vater?

6. Was befahl der König, als est. zum zweiten Mal an der Tür klopfte?

7. Wohin ging der Frosch, als er ins Speisezimmer kam?

8. Was sagte der Frosch, als er zu dem Stuhl der Königstochter gekommen war?

9. Was sagte er, als er auf dem Tisch saß?

10. Warum hatte das Mädchen keinen guten Appetit?

11. Wohin wollte der Frosch gehen, nachdem er genug gegessen hatte?

12. Warum fing die Königstochter an zu weinen?

 
aufwecken - wake (tr.)

s Band (-e) - (poet.) bond; fetter, shackle

böse - mean, evil; angry

brechen (i; a, o) - break; snap; pick (flowers)

r Diener (-) - servant

e Ecke (-n) - corner

einschlafen (ä; ie, a) - go to sleep

erlösen - redeem, free

erzählen - tell

glücklich - happy; lucky

e Hexe (-n) - witch

e Kette (-n) - chain

krachen - crack

e Kraft (¨-e) - strength

kriechen (o, o) - crawl

e Not (¨-e) - need

packen - grab

s Reich (-e) - kingdom

e Traurigkeit - sadness

treu - loyal, faithful

sich umdrehen - turn around

verachten - despise

verwandeln - transform

verwünschen - bewitch

e Wand (¨-e) - wall

zerbrechen (i; a, o) - break to pieces

zornig - angry

Der König aber wurde zornig und sprach: "Wer dir geholfen hat, als du in der Not warst, den sollst du hernach nicht verachten."

Da packte sie ihn mit zwei Fingern, trug ihn hinauf und setzte ihn in eine Ecke. Als sie aber im Bett lag, kam er gekrochen und sprach: "Ich bin müde, ich will schlafen so gut wie du. Heb mich herauf, oder ich sag's deinem Vater."

Da wurde sie erst bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn aus allen Kräften wider die Wand. "Nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch."

wer: whoever
hernach: afterwards
kam gekrochen: came crawling
bitterböse: bitterly angry
aus allen Kräften: with all her strength 
wider: against 
Ruhe haben: get your rest

 

Als er aber herabfiel, war er kein Frosch, sondern ein Königssohn mit schönen freundlichen Augen. Der war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Da erzählte er ihr, er wäre von einer bösen Hexe verwünscht worden, und niemand hätte ihn aus dem Brunnen erlösen können als sie allein, und morgen wollten sie zusammen in sein Reich gehen.

Dann schliefen sie ein, und am anderen Morgen, als die Sonne sie aufweckte, kam ein Wagen herangefahren mit acht weißen Pferden bespannt, die hatten weiße Straußfedern auf dem Kopf und gingen in goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen Königs, das war der treue Heinrich.

freundlich: friendly
nach...Willen: in accordance with her
father's will 
Gemahl: spouse
wäre verwünscht worden: had been bewitched  niemand als: no one but  
hätte erlösen können: could have freed 
wollten sie: they were going to
kam ein Wagen herangefahren: a wagon came driving up 
mit acht weißen Pferden bespannt: hitched to eight white horses 
Straußfedern: ostrich feathers 
hinten: in the back

Der treue Heinrich hatte sich so betrübt, als sein Herr in einen Frosch verwandelt worden war, daß er drei eiserne Bande um sein Herz hatte legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge. Der Wagen aber sollte den jungen König in sein Reich abholen. Der treue Heinrich hob beide hinein, stellte sich wieder hinten auf und war voller Freude über die Erlösung. Und als sie ein Stück Wegs gefahren waren, hörte der Königssohn, daß es hinter ihm krachte, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte er sich um und rief:

"Heinrich, der Wagen bricht."

"Nein, Herr, der Wagen nicht,

es ist ein Band von meinem Herzen,

das da lag in großen Schmerzen,

als Ihr in dem Brunnen saßt,

als Ihr eine Fretsche wast."

hatte sich so betrübt: had become so sad
um sein Herz hatte legen lassen: had had...put around his heart 
vor Weh: from pain 
zerspränge: would...burst
abholen: pick up and take
hob hinein: lifted in
stellte sich hinten auf: took his place in the back 
voller: full of 
Erlösung: release 
ein Stück Wegs: some of the way
als wäre etwas: as if something were
Schmerzen: pain
als Ihr eine Fretsche wast = als Sie ein Frosch waren (Ihr was once used as the most polite singular form.)  

 

Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der Königssohn meinte immer, der Wagen bräche, und es waren dock nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrichs absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war.
meinte: thought
absprangen: broke off

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Wen soll man nach dem Rat des Königs nicht verachten?

2. Wie kam der Frosch nach oben?

3. Wohin setzte das Mädchen den Frosch?

4. Was sagte der Frosch, als er zum Bett der Königstochter herübergekommen war?

5. Wie antwortete das Mädchen darauf?

6. War derjenige, der von der Wand herabfiel, immer noch der garstige Frosch?

7. Von wem war der Königssohn in einen Frosch verwandelt worden?

8. Wer hatte die Macht gehabt, den verwünschten Königssohn zu erlösen?

9. Wer kam am anderen Morgen an? Wie war er gefahren?

10. Wohin fuhren dann der Königssohn und die Königstochter?

11. Warum hatte Heinrich drei eiserne Bande um sein Herz legen lassen?

12. Was meinte der Königssohn, als er dreimal hinter sich ein Krachen hörte?

13. Wie erklärte der treue Heinrich das Krachen?

Kurze Aufsätze

Schreiben Sie das Märchen durch die Augen des Frosches!

Stellen Sie sich vor, die goldene Kugel rollt nicht in den Brunnen! Was macht der Frosch dann?

 

Getting with Grammar

The definite article (English "the") has the following forms in German:
  masc. fem. neut. plur.
nom. der die das die
acc. den die das die
dat. dem der dem den
gen. des der des der
The Brothers Grimm consistently use the narrative past in their fairy tales. Here are examples of a regular verb (also called "weak verb"), an irregular verb (also called "strong verb"), and a mixed verb in the narrative past:
machen
ich machte
du machtest
er, sie, es
machte
wir machten
ihr machtet
sie, Sie
machten
sprechen
ich sprach
du sprachst
er, size, es
sprach
wir sprachen
ihr spracht
sie, Sie
sprachen
bringen
ich brachte
du brachtest
er, sie, es
brachte
wir brachten
ihr brachtet
sie, Sie
brachten


Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

 
"Dann schnitt sie dem Ungetüm den Wanst auf, und kaum hatte sie einen Schnitt getan, so streckte schon ein Geißlein den Kopf heraus, und als sie weiterschnitt, so sprangen nacheinander alle sechse heraus...."
 
r Bäcker (-) - baker

betrügen (o, o) - deceive

r Bösewicht (-e) - villain

bringen (brachte, gebracht) - bring; take

dauern - last; take (time)

erkennen (erkannte, erkannt) - recognize

fressen (i; a, e) - eat (like an animal)

s Futter - fodder; feed

e Geiß (-en) - she-goat

gleich - (adv.) right away; (adj.) same

jeder - each, every

r Krämer (-) - shopkeeper

e Kreide - chalk

lieb haben - love, like

lieblich - lovely

meckern - bleat

s Mehl - flour

r Müller (-) - miller

e Pfote (-n) - paw

rauh - rough

e Sorge (-n) - care, worry

stoßen (ö; ie, o) - push; hit

streichen (i, i) - stroke; spread

streuen - sprinkle, spread

r Teig (-e) - dough

Es war einmal eine alte Geiß, die hatte sieben junge Geißlein, und hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat. Eines Tages wollte sie in den Wald gehen und Futter holen, da rief sie alle sieben herbei und sprach: "Liebe Kinder, ich will hinaus in den Wald. Seid auf eurer Hut vor dem Wolf. Wenn er hereinkommt, so frißt er euch alle mit Haut und Haar. Der Bösewicht verstellt sich oft, aber an seiner rauhen Stimme und an seinen schwarzen Füßen werdet ihr ihn gleich erkennen."

Die Geißlein sagten: "Liebe Mutter, wir wollen uns schon in acht nehmen, Ihr könnt ohne Sorge fortgehen." Da meckerte die Alte und machte sich getrost auf den Weg.

da rief sie alle sieben herbei: she called all seven to her 
Seid auf der Hut vor: Be of your guard against 
mit Haut und Haar: completely 
verstellt sich: disguises himself 
in acht nehmen: take care 
fortgehen: leave  
machte sich getrost auf den Weg: set out confidently 

Es dauerte nicht lange, so klopfte jemand an die Haustür und rief: "Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht."

Aber die Geißlein hörten an der rauhen Stimme, daß es der Wolf war: "Wir machen nicht auf", riefen sie. "Du bist unsere Mutter nicht, die hat eine feine und liebliche Stimme, aber deine Stimme ist rauh; du bist der Wolf."

Da ging der Wolf fort zu einem Krämer und kaufte sich ein großes Stück Kreide. Die aß er und machte damit seine Stimme fein. Dann kam er zurück, klopfte an die Haustür und rief: "Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht."

Es dauerte nicht lange, so: It was not long until  
ihr lieben Kinder: (adjectives following the personal pronouns wir and ihr take the weak adjective ending -en)  
fein: delicate 
Stück: piece 
 

 

Aber der Wolf hatte seine schwarze Pfote in das Fenster gelegt, das sahen die Kinder und riefen: "Wir machen nicht auf, unsere Mutter hat keinen schwarzen Fuß wie du; du bist der Wolf."

Da lief der Wolf zu einem Bäcker und sprach: "Ich habe mich an den Fuß gestoßen, streich mir Teig darüber."

Und als ihm der Bäcker die Pfote bestrichen hatte, so lief er zum Müller und sprach: "Streu mir weißes Mehl auf meine Pfote."

Der Müller dachte: "Der Wolf will einen betrügen", und weigerte sich.

Aber der Wolf sprach: "Wenn du es nicht tust, so fresse ich dich." Da fürchtete sich der Müller und machte ihm die Pfote weiß. Ja, das sind die Menschen.

Ich habe mich an den Fuß  gestoßen: I hit my foot  
bestrichen hatte: had coated 
einen: someone  
weigerte sich: refused  
das sind die Menschen: people are like that

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Wohin wollte die Geiß eines Tages gehen?

2. Was war ihr mütterlicher Rat an die Geißlein?

3. Wie werden die Geißlein den Wolf erkennen?

4. Wie trösteten die Geißlein ihre Mutter?

5. Wer kam dann tatsächlich nach kurzer Zeit an die Haustür?

6. Was rief der Wolf, nachdem er angeklopft hatte?

7. Woran erkannten die Geißlein den Wolf?

8. Was kaufte sich der Wolf beim Krämer? Warum?

9. Warum ließen die Geißlein den Wolf immer noch nicht ins Haus hereinkommen?

10. Warum ging der Wolf jetzt zum Bäcker und nachher zum Müller?

11. Machten beide Männer gern das, was der Wolf verlangte?

12. Warum machte es der Müller dann aber doch?

 
e Bank (¨-e) - bench

e Decke (-n) - cover; ceiling

erschrecken (i; erschrak, o) - be terrified

r Kasten (-) - chest, case, box

s Kissen (-) - pillow

nacheinander - one after another

niemand - no one

nirgendwo - nowhere

r Ofen (¨) - oven; stove

schlucken - swallow

r Schrank (¨-e) - cabinet, closet

suchen - look for

umwerfen (i; a, o) - overturn, upset

(sich) verstecken - hide

e Waschschüssel (-n) - wash bowl

e Wiese (-n) - meadow

sidemen (zog, gezogen) - (tr.) pull; (intr.) move

Nun ging der Bösewicht zum dritten Mal zu der Haustür, klopfte an und sprach: "Macht mir auf, Kinder, euer liebes Mütterchen ist heimgekommen und hat jedem von euch etwas aus dem Walde mitgebracht."

Die Geißerchen riefen: "Zeig uns erst deine Pfote, damit wir wissen, daß du unser liebes Mütterchen bist."

zum dritten Mal: for the third time
ist heimgekommen: has come home
Geißerchen = Geißlein
 

 

Da legte er die Pfote ins Fenster, und als sie sahen, daß sie weiß war, so glaubten sie, es wäre alles wahr, was er sagte, und machten die Tür auf. Wer aber hereinkam, das war der Wolf. Sie erschraken und wollten sich verstecken. Das eine sprang unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche, das fünfte in den Schrank, das sechste unter die Waschschüssel, das siebente in den Kasten der Wanduhr. Aber der Wolf fand sie alle und machte nicht langes Federlesen: eins nach dem andern schluckte er in seinen Rachen; nur das jüngste in dem Uhrkasten, das fand er nicht. Als der Wolf seine Lust gebüßt hatte, trollte er sich fort, legte sich draußen auf der grünen Wiese unter einen Baum und fing an zu schlafen.
Küche: kitchen
machte nicht langes Federlesen: made
short work of it 
Rachen: throat
seine Lust gebüßt hatte: had satisfied his desire 
trollte er sich fort: he toddled off

 

Nicht lange danach kam die alte Geiß aus dem Walde wieder heim. Ach, was mußte sie da erblicken! Die Haustür stand sperrweit auf. Tische, Stühle und Bänke waren umgeworfen, die Waschschüssel lag in Scherben, Decke und Kissen waren aus dem Bett gezogen. Sie suchte ihre Kinder, aber nirgendwo waren sie zu finden. Sie rief sie nacheinander bei Namen, aber niemand antwortete. Endlich, als sie an das jüngste kam, da rief eine feine Stimme: "Liebe Mutter, ich stecke im Uhrkasten." Sie holte es heraus, und es erzählte ihr, daß der Wolf gekommen wäre und die andern alle gefressen hätte. Da könnt ihr denken, wie sie über ihre armen Kinder geweint hat.
danach : after that
heim: home
stand sperrweit (= sperrangelweit) auf: stood wide open
Scherben: broken pieces
waren sie zu finden: they could be found (in German, the active infinitive is used with forms of the verb sein as a passive-voice substitute)
stecke: am
holte es heraus: got it out
gekommen wäre, gefressen hätte: The Grimms, or their sources, prefer subjunctive II in indirect discourse
Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Warum machten die Geißlein dem Wolf doch schließlich auf?

2. Was machten die Geißlein, als der Wolf hereinkam?

3. Fand der Wolf alle sieben Geißlein?

4. Was machte er mit denen, die er fand?

5. Wohin ging der Wolf, als er sich satt gefressen hatte?

6. Was fand die alte Geiß, als sie nach Hause kam?

7. Wen rief sie?

8. Wer antwortete?

9. Was erzählte das jüngste Geißlein seiner Mutter?

 
ausschlafen (ä; ie, a) - sleep one's fill

r Bauch (¨-e) - belly

s Bein (-e) - leg

(sich) bewegen - move (oneself)

sich bücken - bend, stoop

r Durst - thirst

e Freude (-n) - joy

füllen - fill

e Geschwindigkeit (-en) - speed

gottlos - godless

lauter - nothing but

am Leben - alive

r Magen (¨-) - stomach

meinen - mean; think; say

merken - notice

e Nadel (-n) - needle

nähen - sew

sich regen - move, stir

e Schere (-n) - scissors

schleppen - drag, lug, tote

schnarchen - snore

schneiden (schnitt, geschnitten) - cut

r Schneider (-) - tailor

solange - (conj.) as long as

stecken - stick, put; be

strecken - stretch

zittern - shiver, shake, quiver

r Zwirn (-e) - thread

Endlich ging sie in ihrem Jammer hinaus, und das jüngste Geißlein lief mit. Als sie auf die Wiese kam, so lag da der Wolf an dem Baum und schnarchte, daß die Äste zitterten. Sie betrachtete ihn von allen Seiten und sah, daß in seinem angefüllten Bauch sich etwas regte und zappelte. "Ach, Gott", dachte sie, "sollten meine armen Kinder, die er zum Abendbrot hinuntergewürgt hat, noch am Leben sein?"

Da mußte das Geißlein nach Hause laufen und Schere, Nadel und Zwirn holen. Dann schnitt sie dem Ungetüm den Wanst auf, und kaum hatte sie einen Schnitt getan, so streckte schon ein Geißlein den Kopf heraus, und als sie weiterschnitt, so sprangen nacheinander alle sechse heraus und waren noch alle am Leben und hatten nicht einmal Schaden gelitten; denn das Ungetüm hatte sie in der Gier ganz hinuntergeschluckt.

Jammer: misery
Äste: branches 
betrachtete: looked at
Seiten: sides
angefüllt: stuffed
zappelte: wriggled
sollten: is it possible that 
Abendbrot: supper  
hinuntergewürgt hat: choked down
schnitt sie dem Ungetüm den Wanst auf: cut open the monster's belly
kaum hatte sie einen Schnitt getan, so: she had scarcely made a cut when  
heraus (verb prefix): out weiterschnitt: continued to cut 
sechse = sechs
hatten...gelitten: had not even been injured
hatte...hinuntergeschluckt: had in his greed swallowed them whole

Das war eine Freude! Da herzten sie ihre liebe Mutter und hüpften wie ein Schneider, der Hochzeit hält. Die Alte aber sagte: "Jetzt geht und sucht Wackersteine, damit wollen wir dem gottlosen Tier den Bauch füllen, solange er noch im Schlafe liegt."

Da schleppten die sieben Geißerchen in aller Eile die Steine herbei und steckten sie ihm in den Bauch, soviel sie hineinbringen konnten. Dann nähte ihn die Alte in aller Geschwindigkeit wieder zu, daß er nichts merkte und sich nicht einmal regte.

Als der Wolf endlich ausgeschlafen hatte, machte er sich auf die Beine, und weil ihm die Steine im Magen so großen Durst erregten, so wollte er zu einem Brunnen gehen und trinken. Als er aber anfing zu gehen und sich hin und her zu bewegen, so stießen die Steine in seinem Bauch aneinander und rappelten. Da reef er:

herzten: hugged
Hochzeit hält: is getting married
Wackersteine: large stones 
damit: with them
Tier: animal / im Schlafe: asleep
in aller Eile: in great haste
Steine: stones
herbei (verb prefix): there
soviel: as many as  hineinbringen: get in
nähte ihn zu: sewed him shut
machte er sich auf die Beine: he stood up
erregten: caused
aneinander: against eath other
rappelten: rattled
 

 

"Was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch herum? Ich meinte, es wären sechs Geißlein, so sind’s lauter Wackerstein."

Und als er an den Brunnen kam und sich über das Wasser bückte und trinken wollte, da zogen ihn die schweren Steine hinein, und er mußte jämmerlich ersaufen. Als die sieben Geißlein das sahen, da kamen sie herbeigelaufen, riefen laut: "Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!" und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum.

rumpelt und pumpelt herum: rumbles and tumbles around
jämmerlich: miserably
ersaufen = ertrinken: drown
kamen sie herbeigelaufen: they came
running up
um (...) herum: around

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Wohin gingen die Geiß und das Geißlein?

2. Was machte der Wolf, als Mutter und Kind ihn fanden?

3. Was merkten sie, als sie den Wolf genauer betrachteten?

4. Was mußte das Geißlein von zu Hause holen?

5. Was machte die Geiß mit der Schere?

6. Wie lange mußte sie schneiden, bis das erste Geißlein herauskam? 7. Wieviele Geißlein waren noch am Leben?

8. Warum hatten die Geißlein keine schweren Verletzungen?

9. Zu welchem Zweck holten die Geißlein schnell Wackersteine herbei?

10. Was machte die Geiß mit Nadel und Zwirn?

11. Warum hatte der Wolf so großen Durst, als er endlich aufwachte?

12. Was geschah, als der Wolf zu gehen anfing?

13. Was versteht der Wolf nicht?

14. Wie ist der Wolf in den Brunnen hineingefallen?

15. Was machten die Geißlein, nachdem sie sahen, daß der Wolf tot war?

Kurze Aufsätze

Stellen Sie sich vor, der Bäcker und der Müller treffen sich am andern Morgen. Schreiben Sie ihr Gespräch!

Was würden Sie tun, wenn ein sprechender Wolf ins Klassenzimmer käme?

 

Getting with Grammar

With most verbs, one uses the present-tense stem (with or without a final e) as the singular informal imperative (command form), e.g., Geh(e)! Sing(e)! If the verb stem ends in d or t, a final e is required, e.g., Arbeite! Rede! Verbs with a present-tense vowel change from e to i or from e to ie use the changed vowel in the singular informal imperative (without final e), e.g., Gib! Lies! The verb sein has a special form: Sei! All verbs use the 2nd plural present-tense form as the plural informal imperative, e.g., Arbeitet! Gebt! Seid! The following prepositions always take accusative objects:

durch - through; by means of

für - for

gegen - against; toward

ohne - without

um - around

wider - against


  "Nun sprach der König zu seiner Frau: 'Wenn das dreizehnte Kind, das du zur Welt bringst, ein Mädchen ist, so sollen die zwölf Buben sterben ...'"

Die zwölf Brüder

 

 
aufschließen (o, -ossen) - unlock

aufstehen (a, a) - stand up, get up; stand open (door)

r Baum (¨-e) - tree

begraben (ä; u, a) - bury

beten - pray

e Bibel (-n) - Bible

darauf - thereupon

e Fahne (-n) - flag

s Feuer (-) - fire

fliehen (o, o) - flee

fortgehen - (ging fort, fortgegangen) - go away, leave; go on

r Frieden - peace

gebären (a, o) - bear, give birth to

e Hitze - heat

e Königin (-nen) - queen

s Königreich (-e)- kingdom

lassen (ä; ie, a) - let; have (something done)

liegen (a, e) - lie; be situated

nennen (nannte, genannt) - name, call

e Ruhe - peace, quiet

r Sarg (¨-e) - coffin

schauen - look

r Schlüssel (-) - key

sterben (i; a, o) - die

e Stube (-n) - room

töten - kill

r Turm (¨-e) - tower

Wache halten (hält; ie, a) - stand guard

wärmen - warm

e Welt (-en) - world

Es war einmal ein König und eine Königin, die lebten in Frieden miteinander und hatten zwölf Kinder, das waren aber lauter Buben. Nun sprach der König zu seiner Frau: "Wenn das dreizehnte Kind, das du zur Welt bringst, ein Mädchen ist, so sollen die zwölf Buben sterben, damit das Königreich ihr allein zufällt."

Er ließ auch zwölf Särge machen, die waren schon mit Hobelspänen gefüllt, und in jedem lag das Totenkißchen. Er ließ sie in eine verschlossene Stube bringen, dann gab er der Königin den Schlüssel und gebot ihr, niemand etwas davon zu sagen.

Buben = Jungen
sollen: shall (in the sense of "are to," thus an indication of determination or necessity, not of futurity)
zufällt: falls to
Hobelspäne: wood shavings
Totenkißchen: little death pillows 
ließ sie bringen: had her brought / verschlossen: locked 
gebot: commanded

Die Mutter aber saß nun den ganzen Tag und trauerte, so daß der kleinste Sohn, der immer bei ihr war, und den sie nach der Bibel Benjamin nannte, zu ihr sprach: "Liebe Mutter, warum bist du so traurig?"

"Liebes Kind", antwortete sie, "ich darf dir's nicht sagen."

Er ließ ihr aber keine Ruhe, bis sie ging und die Stube aufschloß, und ihm die zwölf mit Hobelspänen schon gefüllten Totenladen zeigte. Darauf sprach sie: "Mein liebster Benjamin, diese Särge hat dein Vater für dich und deine elf Brüder machen lassen, denn wenn ich ein Mädchen zur Welt bringe, so sollt ihr allesamt getötet und darin begraben werden."

trauerte: grieved
Bibel: Bible
mit Hobelspänen schon gefüllt: (extended adjective) which were already filled with wood shavings 
Totenladen: death cases
allesamt: all together 
begraben werden: (present passive infinitive) be buried

 

Und als sie weinte, während sie das sprach, so tröstete sie der Sohn und sagte: "Weine nicht, liebe Mutter, wir wollen uns schon helfen und wollen fortgehen."

Sie aber sprach: "Geh mit deinen elf Brüdern hinaus in den Wald, und einer setze sich immer auf den höchsten Baum, der zu finden ist und halte Wache und schaue nach dem Turm hier im Schloß. Gebär' ich ein Söhnlein, so will ich eine weiße Fahne aufstecken, und dann dürft ihr wiederkommen. Gebär' ich ein Töchterlein, so will ich eine rote Fahne aufstecken, und dann flieht fort, so schnell ihr könnt, und der liebe Gott behüte euch. Alle Nacht will ich aufstehen und für euch beten, im Winter, daß ihr an einem Feuer euch wärmen könnt, im Sommer, daß ihr nicht in der Hitze schmachtet."

während: while (as a preposition, während means "during") 
tröstete: consoled
einer setze sich: one [of you] should sit
Gebär' ich: If I give birth to (when expressed without wenn, an introductory conditional clause begins with the verb)
der liebe Gott behüte euch: may the dear God protect you 
alle Nacht = jede Nacht
schmachtet: languish

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Wieviele Kinder hatten der König und die Königin?

2. Warum will der König die Jungen töten lassen, wenn seine Frau ein Mädchen gebärt?

3. Welche Vorbereitungen auf den möglichen Tod seiner Jungen machte der König?

4. Wem gab er den Schlüssel zu dem Zimmer, wo die Särge lagen?

5. Was fragte der kleine Benjamin seine Mutter, als er sah, wie traurig sie war?

6. Antwortete sie zuerst auf seine Frage? Warum antwortete sie dann endlich doch?

7. Wie versuchte der Sohn, die Mutter zu trösten?

8. Wo sollte einer der Brüder immer Wache halten?

9. Wohin sollte dieser schauen?

10. Was würde es dort zu sehen geben?

11. Was würde es bedeuten, wenn ein Bruder eine weiße Fahne sähe?

12. Was sollte die Bedeutung von einer roten Fahne sein?

13. Was will die Mutter für ihre Söhne machen, wenn sie fliehen müssen?

 
s Blut - blood

daheim - at home

ehe - (conj.) before

e Eiche (-n) - oak tree

eintreten (tritt; a, e) - enter

fließen (o, geflossen) - flow

gehören - belong to (w/ dat.)

r Hase (-n, -n) - rabbit

heimlich - secret(ly)

s Hemd (-en) - shirt

r Himmel (-) - heaven; sky

königlich - royal

leer - empty

leiden (litt, gelitten) - suffer

sich rächen - get revenge

s Reh (-e) - deer

schießen (o, -ossen) - shoot

 

schwach - weak

schwören (o [u], o) - swear

segnen - bless

r Stern (-e) - star

e Stirne (-n) - forehead

e Taube (-n) - pigeon

r Vogel (¨) - bird

e Wäsche (-n) - laundry, was

 

Nachdem sie also ihre Söhne gesegnet hatte, gingen sie hinaus in den Wald. Einer hielt um den andern Wache, saß auf der höchsten Eiche und schaute nach dem Turm. Als elf Tage herum waren und die Reihe an Benjamin kam, da sah er, wie eine Fahne aufgesteckt wurde. Es war aber nicht die weiße, sondern die rote Blutfahne, die verkündete, daß sie alle sterben sollten. Wie die Brüder das hörten, wurden sie zornig und sprachen: "Sollen wir eines Mädchens willen den Tod leiden! Wir schwören, daß wir uns rächen wollen: wo wir ein Mädchen finden, soll ihr rotes Blut fließen.
einer um den andern: one after another
die Reihe...kam: it was Benjamin's turn 
da: (omit in translation)
verkündete: announced
eines Mädchens willen: on account of a girl
 

 

Darauf gingen sie tiefer in den Wald hinein, und mitten drein, wo er am dunkelsten war, fanden sie ein kleines verwünschtes Häuschen, das leer stand. Da sprachen sie: "Hier wollen wir wohnen, und du, Benjamin, du bist der jüngste und schwächste, du sollst daheim bleiben und haushalten, wir andern wollen ausgehen und Essen holen."

Nun zogen sie in den Wald und schossen Hasen, wilde Rehe, Vögel und Täubchen, und was zu essen stand. Das brachten sie dem Benjamin, der mußte es ihnen zurecht machen, damit sie ihren Hunger stillen konnten. In dem Häuschen lebten sie zehn Jahre zusammen, und die Zeit wurde ihnen nicht lang.

mitten drein = mitten darin: right in the very middle
haushalten: keep house
was zu essen stand: whatever was edible
zurecht machen: prepare
 

 

Das Töchterchen, das ihre Mutter, die Königin, geboren hatte, war nun herangewachsen, war gut von Herzen und schön von Angesicht und hatte einen goldenen Stern auf der Stirne. Einmal, als große Wäsche war, sah sie darunter zwölf Mannshemden und fragte ihre Mutter: "Wem gehören diese zwölf Hemden, für den Vater sind sie doch viel zu klein?"

Da antwortete sie mit schwerem Herzen: "Liebes Kind, die gehören deinen zwölf Brüdern."

Das Mädchen sprach: "Wo sind meine zwölf Brüder, ich habe noch niemals von ihnen gehört."

Sie antwortete: "Das weiß Gott, wo sie sind. Sie irren in der Welt herum."

herangewachsen: grown up / war gut...Angesicht: had a good heart and a beautiful appearance
Mannshemden: men's shirts
 
 

 

Da nahm sie das Mädchen und schloß ihr das Zimmer auf, und zeigte ihr die zwölf Särge mit den Hobelspänen und den Totenkißchen. "Diese Särge", sprach sie, "waren für deine Brüder bestimmt, aber sie sind heimlich fortgegangen, eh du geboren warst", und erzählte ihr, wie sich alles zugetragen hatte.

Da sagte das Mädchen: "Liebe Mutter, weine nicht, ich will gehen und meine Brüder suchen."

Nun nahm sie die zwölf Hemden und ging fort und geradezu in den großen Wald hinein. Sie ging den ganzen Tag, und am Abend kam sie zu dem verwünschten Häuschen. Da trat sie hinein und fand einen jungen Knaben, der fragte: "Wo kommst du her und wo willst du hin?" und erstaunte, daß sie so schön war, königliche Kleider trug und einen Stern auf der Stirne hatte. Da antwortete sie: "Ich bin eine Königstochter und suche meine zwölf Brüder und will gehen, so weit der Himmel blau ist, bis ich sie finde."

bestimmt: intended
eh = ehe
sich zugetragen hatte: had happened
geradezu: straight
erstaunte: was astonished

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Wann hielt Benjamin Wache?

2. Was sah er dabei?

3. An wem wollten sich die Brüder rächen?

4. Was fanden die Brüder in der Mitte des Waldes?

5. Was sollte Benjamin für die Brüder machen?

6. Was haben die Brüder zu essen gefunden?

7. Wie lange lebten sie vergnügt im Walde?

8. Wie sah die jetzt schon herangewachsene Tochter aus?

9. Was wollte das Mädchen wissen, als sie die zwölf Hemden sah?

10. Wie antwortete die Mutter auf die Frage der Tocher, wo ihre Brüder jetzt wohl seien?

11. Was zeigte sie der Tochter, und was erklärte sie ihr dabei?

12. Warum sollte die Mutter nicht weinen?

13. Was nahm das Mädchen mit in den Wald?

14. Wie lange brauchte sie, um das Häuschen der Brüder zu finden?

15. Was fragte der Junge, den sie fand?

16. Worüber erstaunte der Junge?

17. Wie antwortete das Mädchen auf seine Frage?

 
abbrechen (i; a, o) - break off

r Augenblick (-e) - moment

begegnen (w/ dat.) - meet

bereit - ready

decken - cover

derselbe (dieselbe,

dasselbe) - the same

fein - fine; excellent

fliegen (o, o) - fly

sich freuen - be happy

e Gnade - grace

r Hals (¨-e) - neck; throat

s Holz (¨-er) - wood

hübsch - pretty

e Jagd (-en) - hunt

kochen - cook, make

küssen - kiss

leben - live, be alive

e Lilie (-n) - lily

e Mahlzeit (-en) - meal

e Ordnung (-en) - order, arrangement

e Rabe (-n) - raven

schenken - give (as a gift)

r Topf (¨-e) - pot

s Vergnügnen (-) - pleasure

verlassen (ä; ie, a) - leave (tr.)

voller - full of

zufrieden - content, satisfied

Sie zeigte ihm auch die zwölf Hemden, die ihnen gehörten. Da sah Benjamin, daß es seine Schwester war, und sprach: "Ich bin Benjamin, dein jüngster Bruder."

Und sie fing an zu weinen vor Freude, und Benjamin auch, und sie küßten und herzten einander vor großer Liebe. Hernach sprach er: "Liebe Schwester, es ist noch ein Vorbehalt da, wir hatten verabredet, daß ein jedes Mädchen, das uns begenete, sterben sollte, weil wir um ein Mädchen unser Königreich verlassen mußten."

Da sagte sie: "Ich will gerne sterben, wenn ich damit meine zwölf Brüder erlösen kann."

herzten: hugged
 
Vorbehalt: reservation  
hatten verabredet: had agreed 
 
ein jedes Mädchen: every girl

 

"Nein", antwortete er, "du sollst nicht sterben. Setze dich unter diese Bütte, bis die elf Brüder kommen, dann will ich schon einig mit ihnen werden."

Also tat sie; und wie es Nacht wurde, kamen die andern von der Jagd, und die Mahlzeit war bereit. Und als sie am Tische saßen und aßen, fragten sie: "Was gibt's Neues?"

Benjamin sprach: "Wißt ihr nichts?"

"Nein", antworteten sie.

Er sprach weiter: "Ihr seid im Walde gewesen, und ich bin daheim geblieben, und weiß doch mehr als ihr."

"So erzähle uns", riefen sie.

Bütte: tub
einig werden: come to an agreement
Also tat sie: She did so
 
 

 

Er antwortete: "Versprecht ihr mir auch, daß das erste Mädchen, das uns begegnet, nicht soll getötet werden?"

"Ja", riefen alle, "die soll Gnade haben. Erzähle uns nur."

Da sprach er: "Unsere Schwester ist da", und hub die Bütte auf, und die Königstochter kam hervor in ihren königlichen Kleidern mit dem goldenen Stern auf der Stirne, und war so schön, zart und fein. Da freuten sie sich alle, fielen ihr um den Hals und küßten sie und hatten sie von Herzen lieb.

Nun blieb sie bei Benjamin zu Haus und half ihm in der Arbeit. Die elfe zogen in den Wald, fingen Gewild, Rehe, Vögel und Täuberchen, damit sie zu essen hatten, und die Schwester und Benjamin sorgten, daß es zubereitet wurde. Sie suchte das Holz zum Kochen und die Kräuter zum Gemüse, und stellte die Töpfe ans Feuer, also daß die Mahlzeit immer fertig war, wenn die elfe kamen. Sie hielt auch sonst Ordnung im Häuschen, und deckten die Bettlein hübsch weis und rein, und die Brüder waren immer zufrieden und lebten in großer Einigkeit mit ihr.

zart: tender, delicate
elfe: eleven (one-syllable cardinal numbers can have endings when they do not modify nouns) 
Gewild: game 
Täuberchen: little cock pigeons 
sorgten: took care 
zubereitet wurde: was prepared
Kräuter: herbs
auch sonst: also (besides that)
hübsch weiß: nice and white
Einigkeit: harmony
 

 

Auf eine Zeit hatten die beiden daheim eine schöne Kost zurechtgemacht, und wie sie nun alle beisammen waren, setzten sie sich, aßen und tranken und waren voller Freude. Es war aber ein kleines Gärtchen an dem verwünschten Häuschen, darin standen zwölf Lilienblumen, die man auch Studenten heißt. Nun wollte sie ihren Brüdern ein Vergnügen machen, brach die zwölf Blumen ab und dachte jedem aufs Essen eine zu schenken.

Wie aber sie die Blumen abgebrochen hatte, in demselben Augenblick wurden die zwölf Brüder in zwölf Raben verwandelt und flogen über den Wald hin fort, und das Haus mit dem Garten war auch verschwunden.

auf eine Zeit: for one occasion
Kost: fare (menu)
beisammen: together
Gärtchen: a small garden
heißt: calls
aufs Essen: along with the meal

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Was zeigte das Mädchen ihrem Bruder Benjamin?

2. Was machten Benjamin und das Mädchen, nachdem sie erkannt hatten, daß sie Bruder und Schwester seien?

3. Was war der Vorbehalt, von dem Benjamin sprach?

4. Mit welchen Worten zeigte das Mädchen, daß sie ihre Brüder sehr liebte?

5. Warum sollte die Schwester sich unter die Bütte setzen?

6. Was fragten die Brüder, als sie am Tisch saßen und aßen?

7. Was mußten die Brüder versprechen, eheBenjamin erzählte, was an dem Tag geschehen sei?

8. Was war die große Nachricht, die Benjamin zu erzählen hatte?

9. Was machten die Brüder, nachdem Benjamin die Bütte aufgehoben hatte?

10. Wie half das Mädchen dem Benjamin zu Hause?

11. Was machte eines Tages die Schwester im kleinen Garten neben dem Häuslein?

12. Was geschah in dem Augenblick, wo die Blumen abgebrochen wurden?

 
anfangen - (here) do  

befreien - liberate

bellen - bark

e Braut (¨-e) - fiancee; bride

s Ding (-e) - thing

einzig - only (adj.)

entzückt - delighted, charmed

fehlen - be missing, be absent

feiern - celebrate

gemein - common; mean

gewiß - certain(ly)

s Gewissen (-) - conscience

e Hochzeit (-en) - wedding

jagen - hunt, chase

lachen - laugh

s Mittel (-) - means

nicken - nod

ein paar - several, a few

 

e Schönheit (-en) - beauty

schreien (ie, ie) - shout, scream; wail

spines (a, o) - spin

stumm - dumb, mute

e Stunde (-n) - hour; lesson

umsonst - in vain

zum Tod verurteilen - con demn to death

r Windhund (-e) - greyhound

 

Da war nun das arme Mädchen allein in dem wilden Wald, und wie sie sich umsah, so stand eine alte Frau neben ihr, die sprach: "Mein Kind, was hast du angefangen? Warum hast du die zwölf weißen Blumen nicht stehen lassen? Das waren deine Brüder, die nun auf immer in Raben verwandelt sind."

Das Mädchen sprach weinend: "Ist denn kein Mittel, sie zu erlösen?"

"Nein", sagte die Alte, "es ist keins auf der ganzen Welt als eins, das ist aber so schwer, daß du sie damit nicht befreien wirst, denn du mußt sieben Jahre stumm sein, darfst nicht sprechen und nicht lachen, und sprichst du ein einziges Wort, und es fehlt nur eine Stunde an den sieben Jahren, so ist alles umsonst, und deine Brüder werden von dem einen Wort getötet."

sich umsah: looked around
als eins: except one
und sprichst du: and if you speak
werden getötet (werden): future tense, passive voice

 

Da sprach das Mädchen in ihrem Herzen: "Ich weiß gewiß, daß ich meine Brüder erlöse", und ging und suchte einen hohen Baum, setzte sich darauf und spann, und sprach nicht und lachte nicht.

Nun trug es sich zu, daß ein König in dem Wald jagte, der hatte einen großen Windhund. Der Hund lief zu dem Baum, wo das Mädchen darauf saß, und sprang herum, schrie und bellte hinauf. Da kam der König herbei und sah die schöne Königstochter mit dem goldenen Stern auf der Stirne, und war so entzückt über ihre Schönheit, daß er ihr zurief, ob sie seine Gemahlin werden wollte.

Sie gab keine Antwort, nickte aber ein wenig mit dem Kopf. Da stieg er selbst auf den Baum, trug sie herab, setzte sie auf sein Pferd und führte sie heim. Da wurde die Hochzeit mit großer Pracht und Freude gefeiert; aber die Braut sprach nicht und lachte nicht.

trug es sich zu: it happened
wo darauf: in which
kam herbei: approached
ihr zurief, ob: called to her and asked if
Gemahlin: wife
nickte mit: (nicken, unlike "nod," is always intransitive)
führte sie heim: took her home
Pracht: splendor
 

 

Als sie ein paar Jahre miteinander vergnügt gelebt hatten, fing die Mutter des Königs, die eine böse Frau war, an, die junge Königin zu verleumden und sprach zum König: "Es ist ein gemeines Bettelmädchen, das du dir mitgebracht hast. Wer weiß, was für gottlose Streiche sie heimlich treibt. Wenn sie stumm ist und nicht sprechen kann, so könnte sie doch einmal lachen, aber wer nicht lacht, der hat ein böses Gewissen."

Der König wollte zuerst nicht daran glauben, aber die Alte trieb es so lange und beschuldigte sie viel böser Dinge, daß der König sich endlich überreden ließ und sie zum Tod verurteilte.

vergnügt: happily
verleumden: calumniate
Bettelmädchen: beggar girl
Streiche: pranks 
treibt: does
beschuldigte: accused 
viel böser Dinge: (genitive) of..

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Wer stand auf einmal neben dem Mädchen?

2. Wie erklärte die alte Frau die Tragödie, die sich eben abgespielt hatte?

3. Wie antwortete die Frau auf die Frage des Mädchens, ob es nicht doch ein Mittel gäbe, die Brüder zu erlösen?

4. Wohin ging das Mädchen dann?

5. Wie entdeckte der fremde König das Mädchen oben auf dem Baum?

6. Wie gefiel sie dem König?

7. Was fragte er sie?

8. Wie antwortete das Mädchen auf seine Frage?

9. Was war das Ungewöhnliche an der königlichen Hochzeit, die folgte?

10. Wie sprach die Mutter des Königs über die junge Königin?

11. Wie erklärte die Mutter des Königs die Stummheit der jungen Königin?

12. Glaubte der König das, was seine Mutter sagte?

13. Was sollte die Strafe der Königin sein?

 
anzünden - light, set on fire

auftun (tat auf, aufgetan) - open

berühren - touch

e Erde (-n) - earth; ground

s Faß (¨-sser) - barrel

e Flamme (-n) - flame

giftig - poisonous

r Hof (¨-e) - courtyard; yard; court

lecken - lick

e Luft (¨-e) - air

s Öl - oil

r Pfahl (¨-e) - stake

e Schlange (-n) - snake

e Stiefmutter (¨) - stepmother

r Tod - death

unschuldig - innocent

verbrennen (verbrannte, verbrannt) - burn (tr.)

e Zunge (-n) - tongue

zusehen (ie; a, e) - watc

Nun wurde im Hof ein großes Feuer angezündet, darin sollte sie verbrannt werden. Und der König stand oben am Fenster und sah mit weinenden Augen zu, weil er sie immer noch so lieb hatte. Als sie schon an den Pfahl festgebunden war, und das Feuer an ihren Kleidern mit roten Zungen leckte, da war eben der letzte Augenblick von den sieben Jahren verflossen. Da ließ sich in der Luft ein Geschwirr hören, und zwölf Raben kamen hergezogen und senkten sich nieder. Und wie sie die Erde berührten, waren es ihre zwölf Brüder, die sie erlöst hatte. Sie rissen das Feuer auseinander, löschten die Flammen, machten ihre liebe Schwester frei, und küßten und herzten sie.
war eben verflossen: had just elapsed
ließ sich hören: made itself heard  Geschwirr: whirring
kamen hergezogen: came moving in
senkten sich nieder: landed
rissen auseinander: tore apart 
löschten: extinguished
 
Nun aber, da sie ihren Mund auftun und reden durfte, erzählte sie dem Könige, warum sie stumm gewesen wäre und niemals gelacht hätte. Der König freute sich, als er hörte, daß sie unschuldig war, und sie lebten nun alle zusammen in Einigkeit bis an ihren Tod. Die böse Stiefmutter wurde vor Gericht gestellt und in ein Faß gesteckt, das mit siedendem Öl und giftigen Schlangen angefüllt war, und starb eines bösen Todes.
Einigkeit: harmony 
zusammen: together
wurde vor Gericht gestellt: was brought to court 
siedend: boiling
angefüllt: filled

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Zu welchem Zweck wurde ein großes Feuer angezündet?

2. Warum weinte der König?

3. Wann waren die sieben Jahre zu Ende?

4. Was kam herangeflogen?

5. In was wurden die Raben verwandelt?

6. Was machten die Brüder, um die Schwester zu befreien?

7. Was erzählte das Mädchen dem König?

8. Wie ist es der bösen Stiefmutter ergangen?

Kurze Aufsätze

Schreiben Sie einen Aufsatz, in dem Sie erklären, warum das Märchen "Die zwölf Brüder" nicht so beliebt geworden ist wie die ersten zwei Märchen in diesem Buch!

In vielen Märchen sprechen die guten Mädchen wenig. Wie ist das wohl zu erklären?

 

Getting with Grammar

The German indefinite article (English "a," "an") has the following forms: (Note that forms of kein are used as plural examples because ein has no plural forms.)
  masc. fem. neut. plur.
nom. ein eine ein keine
acc. einen eine ein keine
dat. einem einer einem keinen
gen. eines einer eines keiner

* * * * *

In a German subordinate clause, the conjugated verb is placed last. (The conjugated verb is the verb that changes its form as the person and number of the subject change; it occupies the second position in a main clause.)

Main clause, conjugated verb second: Sie mußten ihr Königreich verlassen.

Subordinate clause, conjugated verb last: ...weil sie ihr Königreich verlassen mußten.

* * * * *

 

Kein and the possessive adjectives (mein, dein, sein, ihr, unser, Euer, Ihr) are called ein-words because they take the same endings as ein).

* * * * *

In German the accusative case is used for expressions of definite time, e.g., den ganzen Tag, nächste Woche, letztes Jahr. The genitive case is used for expressions of indefinite time, e.g., eines Tages, eines Abends, eines Nachts (oddly enough, because Nacht is a feminine noun).

* * * * *

The two ways of expressing "in 1975" in German are simply 1975 (without a preposition) and im Jahre 1975. Examples:

Sie ist im Jahre 1975 geboren.

Er ist auch 1975 geboren?

It is not grammatically correct to put the year immediately after in or im.

"On April 19, 1941" is written in German this way: am 19. April 1941. Except at the end of a sentence, a period after a number indicates an ordinal number, i.e., first, second, third, etc.

* * * * *

The following German prepositions always take dative objects:

aus - out of; from

außer - besides; except

bei - with; at the house of; by

mit - with

nach - after; to; according to

seit - since (temporal)

von - from; by; of

zu - to; at


~ Brüderchen und Schwesterchen ~

aufwachen - wake up (intr.)

e Beere (-n) - berry

e Brotkruste (-n) - crust of bread

s Feld (-er) - field

führen - lead

s Gebet (-e) - prayer

e Gestalt (-en) - form, shape

s Gras (¨-er) - grass

herrlich - splendid; magnifi- cent; marvelous

hohl - hollow

e Lippe (-n) - lip

menschlich - human (adj.)

e Nuß (¨-sse) - nut

e Quelle (-n) - source; spring

r Rücken (-) - back

sammeln - collect, gather

scheinen (ie, ie) - shine; seem

schlagen (ä; u, a) - hit

schleichen (i, i) - creep, slink

s Seil (-e) - rope

e Speise (-n) - food

s Tier (-e) - animal

r Tiger (-) - tiger

r Tropfen (-) - drop (of a liquid)

übrig - left over, remaining

weich - soft (to the touch)

r Wolf (¨-e) - wolf

e Wurzel (-n) - root

zerreißen (i, -issen) - tear apart, tear to pieces

Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand und sprach: "Seit die Mutter tot ist, haben wir keine gute Stunde mehr; die Stiefmutter schlägt uns alle Tage, und wenn wir zu ihr kommen, stößt sie uns mit den Füßen fort. Die harten Brotkrusten, die übrig bleiben, sind unsere Speise, und dem Hündlein unter dem Tisch geht's besser: dem wirft sie doch manchmal einen guten Bissen zu. Daß Gott erbarm, wenn das unsere Mutter wüßte! Komm, wir wollen miteinander in die weite Welt gehen."

Sie gingen den ganzen Tag über Wiesen, Felder und Steine, und wenn es regnete, sprach das Schwesterchen: "Gott und unsere Herzen, die weinen zusammen!"

Abends kamen sie in einen großen Wald und waren so müde von Jammer, Hunger und dem langen Weg, daß sie sich in einen hohlen Baum setzten und einschliefen.

Am andern Morgen, als sie aufwachten, stand die Sonne schon hoch am Himmel und schien heiß in den Baum hinein. Da sprach das Brüderchen: "Schwesterchen, mich dürstet. Wenn ich ein Brünnlein wüßte, ich ging' und tränk' einmal; ich mein', ich hört' eins rauschen."

Seit die Mutter tot ist: Since Mother has been dead 
alle Tage: every day 
dem wirft sie zu: she throws (to) it  
Bissen: morsel 
Daß Gott erbarm: May God have mercy wir wollen: let's  
weit: wide 
Jammer: misery  
Am andern Morgen: the next morning  
da: then 
mich dürstet: I'm thirsty 
Brünnlein = kleiner Brunnen  
 
Brüderchen stand auf, nahm Schwesterchen an der Hand, und sie wollten das Brünnlein suchen. Die böse Stiefmutter aber war eine Hexe und hatte wohl gesehen, wie die beiden Kinder fortgegangen waren, war ihnen nachgeschlichen, heimlich, wie die Hexen schleichen, und hatte alle Brunnen im Wald verwünscht. Als sie nun ein Brünnlein fanden, das so glitzerig über die Steine sprang, wollte das Brüderchen daraus trinken. Aber das Schwesterchen hörte, wie es im Rauschen sprach: "Wer aus mir trinkt, wird ein Tiger, wer aus mir trinkt, wird ein Tiger."

Da rief das Schwesterchen: "Ich bitte dich, Brüderchen, trink nicht, sonst wirst du ein wildes Tier und zerreißt mich."

Das Brüderchen trank nicht, ob er gleich so großen Durst hatte, und sprach: "Ich will warten bis zur nächsten Quelle."

Als sie zum zweiten Brünnlein kamen, hörte das Schwesterchen, wie auch dieses sprach: "Wer aus mir trinkt, wird ein Wolf, wer aus mir trinkt, wird ein Wolf!"

Da rief das Schwesterchen: "Brüderchen, ich bitte dich, trink nicht, sonst wirst du ein Wolf und frißt mich."

wohl: no doubt 
war ihnen  nachgeschlichen: had crept after them 
glitzerig: glittering  
im Rauschen: while rushing 
wer: whoever 
sonst: otherwise 
ob er gleich = obgleich er: although he 

 

Das Brüderchen trank nicht, und sprach: "Ich will warten, bis wir zur nächsten Quelle kommen, aber dann muß ich trinken, du magst sagen, was du willst. Mein Durst ist zu groß."

Und als sie zum dritten Brünnlein kamen, hörte das Schwesterchen, wie es im Rauschen sprach: "Wer aus mir trinkt, wird ein Reh, wer aus mir trinkt, wird ein Reh."

Das Schwesterchen sprach: Ach Brüderchen, ich bitte dich, trink nicht, sonst wirst du ein Reh und läufst mir fort." Aber das Brüderchen hatte sich gleich beim Brünnlein niedergekniet, hinabgebeugt und von dem Wasser getrunken, und wie die ersten Tropfen auf seine Lippen gekommen waren, lag er da als ein Rehkälbchen.

Nun weinte das Schwesterchen über das arme verwünschte Brüderchen, und das Rehchen weinte auch und saß so traurig neben ihr. Da sprach das Mädchen endlich: "Sei still, liebes Rehchen, ich will dich ja nimmermehr verlassen."

du magst sagen: you can say 
läufst mir fort: will run away from me  
hatte niedergekniet, 
hinabgebeugt: had knelt down, bent down 
Rehkälbchen: little fawn 
nimmermehr = niemals 

 

Dann band sie ihr goldenes Strumpfband ab und tat es dem Rehchen um den Hals, und rupfte  Binsen und flocht ein weiches Seil daraus. Daran band sie das Tierchen und führte es weiter, und ging immer tiefer in den Wald hinein. Und als sie lange gegangen waren, kamen sie endlich an ein kleines Haus, und das Mädchen schaute hinein, und weil es leer war, dachte sie: "Hier können wir bleiben und wohnen."

Da suchte sie dem Rehchen Laub und Moos zu einem weichen Lager, und jeden Morgen ging sie aus und sammelte sich Wurzeln, Beeren und Nüsse, und für das Rehchen brachte sie zartes Gras mit. Das fraß es ihr aus der Hand, war vergnügt und spielte vor ihr herum. Abends, wenn Schwesterchen müde war und ihr Gebet gesagt hatte, legte sie ihren Kopf auf den Rücken des Rehkälbchens. Das war ihr Kissen, worauf sie sanft einschlief. Und hätte das Brüderchen nur seine menschliche Gestalt gehabt, es wäre ein herrliches Leben gewesen.

band ab: untied  
Strumpfband: garter 
tat: put 
rupfte: plucked  
Binsen: reeds   
flocht: wove 
führte es weiter: led it on 
immer tiefer: deeper and deeper  
Laub und Moos: leaves and moss  
Lager: bed 
zart: tender  
vergnügt: content  
vor ihr herum: round about in front of her 
Gebet: prayer  
worauf: on which  sanft: gently 
Und hätte das Brüderchen...: (unreal conditional sentence in past time)
Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1.Warum gingen die beiden Kinder in die weite Welt

2. Was sagten die Kinder, wenn es regnete?

3. Wo schliefen sie am ersten Abend?

4. Warum suchte Brüderchen einen Brunnen?

5. Was hatte die böse Stiefmutter getan?

6. Was wäre geschehen, wenn Brüderchen aus dem ersten Brunnen getrunken hätte?

7. Warum trank der Junge auch nicht aus dem zweiten Brunnen? 8. In was für ein Tier wurde der Junge verwandelt, als er aus dem dritten Brunnen trank?

9. Warum weinte Schwesterchen?

10. Was band sie ihm um den Hals?

11. Was machte sie aus Binsen?

12. Wohin kamen die Kinder, nachdem sie lange im Wald gegangen waren?

13. Wie machten sie sich am ersten Abend bequem?

abwaschen (ä; u, a) - wash off

am andern Morgen - on the next morning

ansehen (ie; a, e) - look at

aushalten (hält aus; ie, a) - stand, endure

binden (a, u) - tie

bitten (bat, gebeten) - ask, request

blasen (ä; ie, a) - blow

einholen - bring in; overtake

fröhlich - merry, happy

gesund - healthy

hinken - limp

s Halsband (¨-er) - necklace

s Haupt (¨-er) - head; chief, leader

s Horn (¨-er) - horn

r Jäger (-) - hunter

kriegen - get

lustig - merry; funny

nachjagen (w/ dat.) - chase

öffnen - open

reichen - reach; pass, hand

r Schuh (-e) - shoe

spüren - feel, perceive

untergehen (ging unter, untergegangen) - go down, set (sun)

verwunden - wound

e Wunde (-n) - wound

eine Zeitlang - for some time

zutragen (ä; u, a): es trug sich zu - it happened

 

Das dauerte so eine Zeitlang, daß sie so allein in der Wildnis waren. Es trug sich aber zu, daß der König des Landes eine große Jagd in dem Wald hielt. Da schallte das Hörnerblasen, Hundegebell und das lustige Geschrei der Jäger durch die Bäume, und das Rehchen hörte es und wäre gar zu gerne dabei gewesen. "Ach", sprach es zum Schwesterchen, "laß mich hinaus in die Jagd, ich kann's nicht länger mehr aushalten", und bat so lange, bis sie einwilligte.

"Aber", sprach sie zu ihm, "komm mir ja abends wieder, vor den wilden Jägern schließ' ich mein Türlein; und damit ich dich kenne, so klopf und sprich: ‘Mein Schwesterchen, laß mich herein’; und wenn du nicht so sprichst, so schließ' ich mein Türlein nicht auf."

Nun sprang das Rehchen hinaus, und es war ihm so wohl, und das Rehchen war so lustig in freier Luft. Der König und seine Jäger sahen das schöne Tier und setzten ihm nach, aber sie konnten es nicht einholen. Und wenn sie meinten, sie hätten es gewiß, da sprang es über das Gebüsch weg und war verschwunden. Als es dunkel wurde, lief es zu dem Häuschen, klopfte und sprach: "Mein Schwesterlein, laß mich herein." Da wurde ihm die kleine Tür aufgetan, es sprang hinein und ruhte sich die ganze Nacht auf seinem weichen Lager aus.

Wildnis: wilderness 
schallte: sounded  
Hundegebell: barking of dogs  
Geschrei: screaming 
wäre...dabei gewesen: would have liked all too much to be there 
nicht länger mehr = länger nicht 
einwilligte: agreed  
es war ihm so wohl: he felt so good  
setzten ihm nach: rode after him  
Gebüsch: underbrush 
ruhte sich aus: rested 

 

Am andern Morgen ging die Jagd von neuem an, und als das Rehchen wieder das Hifthorn hörte und das ho, ho! der Jäger, da hatte es keine Ruhe und sprach: "Schwesterchen, mach mir auf, ich muß hinaus."

Das Schwesterchen öffnete ihm die Tür und sprach: "Aber zu Abend mußt du wieder da sein und dein Sprüchlein sagen."

Als der König und seine Jäger das Rehlein mit dem goldenen Halsband wieder sahen, jagten sie ihm alle nach, aber es war ihnen zu schnell und behend. Das währte den ganzen Tag, endlich aber hatten es die Jäger abends umzingelt, und einer verwundete es ein wenig am Fuß, so daß es hinken mußte und langsam fortlief. Da schlich ihm ein Jäger nach bis zu dem Häuschen und hörte, wie es rief: "Mein Schwesterlein, las mich herein", und sah, daß die Tür ihm aufgetan und alsbald wieder zugeschlossen wurde.

Der Jäger behielt das alles wohl im Sinn, ging zum König und erzählte ihm, was er gesehen und gehört hatte. Da sprach der König: "Morgen soll noch einmal gejagt werden."

von neuem: again
ging an: began  
Hifthorn = Hiefhorn: hunting horn 
Sprüchlein: little verse 
behend: nimble  
währte: lasted  
umzingelt: surrounded 
alsbald: right away  
behielt im Sinn: kept in mind  
soll...gejagt werden: (impersonal passive, no subject) we will go hunting again  

 

Das Schwesterchen aber erschrak gewaltig, wie sie sah, daß ihr Rehkälbchen verwundet war. Sie wusch ihm das Blut ab, legte Kräuter auf und sprach: "Geh auf dein Lager, liebes Rehchen, daß du wieder heil wirst."

Die Wunde aber war so gering, daß das Rehchen am Morgen nichts mehr davon spürte. Und als es die Jagdlust wieder draußen hörte, sprach es: "Ich kann's nicht aushalten, ich muß dabei sein; so bald soll mich keiner kriegen."

Das Schwesterchen weinte und sprach: "Nun werden sie dich töten, und ich bin hier allein im Wald und bin verlassen von aller Welt. Ich lass' dich nicht hinaus."

"So sterb ich dir hier vor Betrübnis", antwortete das Rehchen. "Wenn ich das Hifthorn höre, so mein' ich, ich müßt' aus den Schuhen springen!"

Da konnte das Schwesterchen nicht anders und schloß ihm mit schwerem Herzen die Tür auf, und das Rehchen sprang gesund und fröhlich in den Wald. Als es der König erblickte, sprach er zu seinen Jägern: "Nun jagt ihm nach den ganzen Tag bis in die Nacht, aber daß ihm keiner etwas zuleide tut."

gewaltig: intensely  
Kräuter: herbs 
heil: healed, well  
gering: small, insignificant  
Jagdlust: pleasure of the chase  
Betrübnis: sorrow  
konnte nicht anders: had no choice 
daß ihm...zuleide tut: let no one harm him

 

Sobald die Sonne untergegangen war, sprach der König zum Jäger: "Nun komm und zeige mir das Waldhäuschen."

Und als er vor dem Türlein war, klopfte er an und rief: "Liebes Schwesterlein, laß mich herein." Da ging die Tür auf, und der König trat herein, und da stand ein Mädchen, das so schön war, wie er noch keins gesehen hatte.

Das Mädchen erschrak, als sie sah, daß nicht das Rehchen, sondern ein Mann hereinkam, der eine goldene Krone auf dem Haupt hatte. Aber der König sah sie freundlich an, reichte ihr die Hand und sprach: "Willst du mit mir gehen auf mein Schloß und meine liebe Frau sein?"

"Ach ja", antwortete das Mädchen, "aber das Rehchen muß auch mit, das verlass' ich nicht."

Der König sprach: "Es soll bei dir bleiben, so lange du lebst, und es soll ihm an nichts fehlen."

Indem kam es hereingesprungen. Da band es das Schwesterchen wieder an das Binsenseil, nahm es selbst in die Hand und ging mit ihm aus dem Waldhäuschen fort.

klopfte an: knocked  
das so schön...: that was prettier than any he had ever seen  
reichte ihr die Hand: offered her his hand 
es soll ihm an nichts fehlen: it shall want for nothing 
indem = indessen: at that moment

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Was störte die Ruhe von Schwesterchen und dem Rehchen?

2. Was wollte das Rehchen unbedingt tun?

3. Warum schloß Schwesterchen ihre Tür?

4. Was mußte das Rehchen tun, um wieder ins Haus hereinkommen zu können?

5. Wie erging es dem Rehchen am ersten Tag draußen im Wald?

6. Ging es dem Rehchen am zweiten Tag so gut wie am ersten Tag?

7. Wie erfuhr ein Jäger, wohin das Rehchen am Abend ging?

8. Was tat Schwesterchen für die Wunde des Rehchens?

9. Wohin ging das Rehchen am andern Morgen?

10. Was befahl der König seinen Jägern?

11. Wie geschah es, daß der König statt des Rehchens ins Haus eintrat?

12. Was hatte der König auf dem Kopf?

12. Was fragte der König?

abschließen (o, -ossen) - lock

annehmen (nimmt; a, genommen) - accept; assume

s Ansehen - appearance

s Bad (¨-er) - bath

fertig - finished; ready

frisch - fresh

r Gedanke (-ns, -n) - thought

geschwind - quickly

s Glück - luck; happiness häßlich - ugly

e Haube (-n) - bonnet

herzlich - cordial(ly)

r Neid - envy, jealousy

recht - right; legitimate

e Seite (-n) - side

vergnügt - delighted, joyous

r Vorhang (¨-e) - curtain

e Wanne (-n) - tub

wohltun (tat wohl, wohl- getan) - do...good (w/ dat.)

Der König nahm das schöne Mädchen auf sein Pferd und führte sie in sein Schloß, wo die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert wurde. Sie war nun die Frau Königin, und König und Königin lebten lange Zeit vergnügt zusammen. Das Rehchen wurde gehegt und gepflegt und sprang in dem Schloßgarten herum.

Die böse Stiefmutter aber, um derentwillen die Kinder in die Welt hineingegangen waren, die meinte nicht anders, als Schwesterchen wäre von den wilden Tieren im Walde zerrissen worden und Brüderchen als ein Rehkalb von den Jägern totgeschossen. Als sie nun hörte, daß sie so glücklich waren und es ihnen so wohl ging, da wurden Neid und Mißgunst in ihrem Herzen rege und ließen ihr keine Ruhe, und sie hatte keine andern Gedanken, als wie sie die beiden doch noch ins Unglück bringen könnte. Ihre rechte Tochter, die häßlich war wie die Nacht und nur ein Auge hatte, machte ihr Vorwürfe und sprach: "Eine Königin zu werden, das Glück hätte mir gebührt."

Pracht: splendor
gehegt und gepflegt: cared for
um derentwillen: on account of whom (cf. Lcal Note on next page) 
meinte nicht anders als: was certain that
wäre zerrissen worden: (past subjunctive II, passive) 
Mißgunst: ill-will
wurden rege: were stirred up
machte ihr Vorwürfe: reproached her
das Glück hätte mir gebührt: that good fortune should have belonged to me

"Sei nur still", sagte die Alte und sprach sie zufrieden, "wenn's Zeit ist, will ich schon bei der Hand sein."

Als nun die Zeit herangerückt war, und die Königin ein schönes Knäblein zur Welt gebracht hatte, und der König gerade auf der Jagd war, nahm die alte Hexe die Gestalt der Kammerfrau an, trat in die Stube, wo die Königin lag, und sprach zu der Kranken: "Kommt, das Bad ist fertig. Das wird Euch wohltun und frische Kräfte geben. Geschwind, eh es kalt wird."

Ihre Tochter war auch bei der Hand. Sie trugen die schwache Königin in die Badstube und legten sie in die Wanne. Dann schlossen sie die Tür ab und liefen davon. In der Badstube aber hatten sie ein rechtes Höllenfeuer angemacht, daß die schöne junge Königin bald ersticken mußte.

sprach sie zufrieden: comforted her by saying
bei der Hand: at hand 
herangerückt war: had approached
Knäblein = kleiner Knabe: kleiner Junge
Kammerfrau: lady's maid
Höllenfeuer: hell fire hatte
angemacht: had lit
Als das vollbracht war, nahm die Alte ihre Tochter, setzte ihr eine Haube auf, und legte sie ins Bett an der Königin Stelle. Sie gab ihr auch die Gestalt und das Ansehen der Königin, nur das verlorene Auge konnte sie ihr nicht wiedergeben. Damit es aber der König nicht merkte, mußte sie sich auf die Seite legen, wo sie kein Auge hatte. Am Abend, als er hereinkam und hörte, daß ihm ein Söhnlein geboren war, freute er sich herzlich, und wollte ans Bett seiner lieben Frau gehen und sehen, was sie machte. Da rief die Alte geschwind: "Beileibe, laßt die Vorhänge zu, die Königin darf noch nicht ins Licht sehen und muß Ruhe haben." Der König ging zurück und wußte nicht, daß eine falsche Königin im Bette lag.
vollbracht war: had been accomplished
 an...Stelle: in the place of 
beileibe: by no means
laßt...zu: let the curtains closed

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Was für ein Leben hatten der König und die neue Königin zusammen?

2. Was hatte die böse Stiefmutter vom Schicksal der beiden Kinder im Walde gemeint?

3. Was für Gefühle lebten in ihr wieder auf, als sie hörte, daß die Kinder nicht nur noch am Leben sondern auch glücklich waren?

4. Wie sah die rechte Tochter von der Stiefmutter aus?

5. Was warf diese Tochter ihrer Mutter vor?

6. Bei welcher Gelegenheit schlich die Stiefmutter ins Schloß?

7. Was für eine Gestalt nahm die alte Hexe an?

8. Was sagte sie der Königin?

9. Wer half der Hexe, Schwesterchen in die Badewanne zu legen?

10. Warum liefen die beiden dann davon? ___

11. Was gab die Stiefmutter ihrer rechten Tochter?

12. Was konnte sie ihr nicht geben?

13. Was mußte die Tochter wegen des fehlenden Auges tun?

14. Was sagte die Alte dem König?

15. Was wußte der König nicht?

e Asche (-n) - ash, ashes

aufgehen (ging auf, aufgegangen) - rise; open (intr.)

erhalten (ä; ie, a) - receive, get

erscheinen (ie, ie) - appear

s Gericht (-e) - court (of justice)

sich getrauen - dare

gewöhnlich - usual(ly); ordinary (-ily)

jammervoll - wretched(ly); piteous(ly)

e Kinderfrau (-en) - nurse, nursemaid

s Kinn (-e) - chin

e Mitternacht (¨-e) - midnight

reden - talk

schütteln - shake

streicheln - stroke, pet

s Urteil (-e) - judgment

verfließen (o, -ossen) - flow away; elapse

wachen - be awake; watch

e Wiege (-n) - cradle

zurückhalten (hält zurück; ie, a) - hold back

Als es aber Mitternacht war und alles schlief, da sah die Kinderfrau, die in der Kinderstube neben der Wiege saß und allein noch wachte, wie die Tür aufging, und die rechte Königin hereintrat. Sie nahm das Kind aus der Wiege, legte es in ihren Arm und gab ihm zu trinken. Dann schüttelte sie ihm sein Kinnchen, legte es wieder hinein und deckte es mit dem Deckbettchen zu. Sie vergaß aber auch das Rehchen nicht, ging in die Ecke, wo es lag, und streichelte ihm über den Rücken. Darauf ging sie ganz stillschweigend wieder zur Tür hinaus, und die Kinderfrau fragte am andern Morgen die Wächter, ob jemand während der Nacht ins Schloß gegangen wäre, aber sie antworteten: "Nein, wir haben niemand gesehen."

So kam sie viele Nächte und sprach niemals ein Wort dabei. Die Kinderfrau sah sie immer, aber sie getraute sich nicht, jemand etwas davon zu sagen.

Als nun so eine Zeit verflossen war, da hob die Königin in der Nacht an zu reden und sprach:

"Was macht mein Kind, was macht mein Reh?

Nun komm' ich noch zweimal und dann nimmermehr."

Kinderstube: nursery 
hereintrat: entere 
Deckbettchen: little feather bed 
tillschweigend: silently 
Wächter: guards
hob an: began
nimmermehr: never again

 

 

Die Kinderfrau antwortete ihr nicht, aber als sie wieder verschwunden war, ging sie zum König und erzählte ihm alles. Der König sprach: "Ach Gott, was ist das! Ich will in der nächsten Nacht bei dem Kinde wachen."

Abends ging er in die Kinderstube, aber um Mitternacht erschien die Königin wieder und sprach:

"Was macht mein Kind, was macht mein Reh?

Nun komm' ich noch einmal und dann nimmermehr."

Und sie pflegte dann des Kindes, wie sie gewöhnlich tat, ehe sie verschwand. Der König getraute sich nicht, sie anzureden, aber er wachte auch in der folgenden Nacht. Sie sprach abermals:

"Was macht mein Kind? Was macht mein Reh?

Nun komm' ich noch diesmal und dann nimmermehr."

pflegte des Kindes = pflegte das Kind: attended to the child 
sie anzureden: to address her 
folgend: following
abermals: again 

 

Da konnte sich der König nicht zurückhalten, sprang zu ihr und sprach: "Du kannst niemand anders sein als meine liebe Frau."

Da antwortete sie: "Ja, ich bin deine liebe Frau", und hatte in dem Augenblick durch Gottes Gnade das Belen wiedererhalten, war frisch, rot und gesund. Darauf erzählte sie dem König den Frevel, den die böse Hexe und ihre Tochter an ihr verübt hatten. Der König ließ beide vor Gericht führen, und es wurde ihnen das Urteil gesprochen. Die Tochter wurde in den Wald geführt, wo sie die wilden Tiere zerrissen, die Hexe aber wurde ins Feuer gelegt und mußte jammervoll verbrennen. Und wie sie zu Asche verbrannt war, verwandelte sich das Rehkälbchen und erhielt seine menschliche Gestalt wieder; Schwesterchen und Brüderchen aber lebten glücklich bis an ihr Ende.

anders: else
Frevel: outrage
an ihr verübt hatte: had perpetrated against her

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Was machte die rechte Frau, als sie um Mitternacht in die Kinderstube eintrat?

2. Was fragte die Kinderfrau am andern Morgen die Wächter?

3. Kam die Königin nur ein paar Mal?

4. Warum sagte die Kinderfrau niemandem etwas davon?

5. Was machte die Kinderfrau, nachdem die Königin gesagt hatte, sie komme nur noch zweimal?

6. Was machte der König dann in der nächsten Nacht?

7. Was sagte er ihr bei dieser Gelegenheit?

8. Was erwiderte der König, als seine Frau gesagt hatte, sie komme niemals wieder?

9. Wie antwortete die Königin?

10. Was geschah in diesem Augenblick der Königin, die doch damals in der Hitze der Badewanne erstickt war?11. Was erzählte sie dem König?

12. Wohin ließ der König die Stiefmutter und ihre Tochter führen?

13. Wie starben die Tochter und die Hexe?

14. Wie wurde das Rehchen verwandelt, als die Hexe starb?

Kurze Aufsätze

Welche Motive der drei vorangehenden Märchen finden Sie in diesem Märchen wieder? Welche Motive sind hier neu?

Wie würde der König das Ende der Geschichte erzählen?

Getting with Grammar

In form, the German relative pronoun resembles closely the definite article. Here are the forms of the relative pronoun:
  masc. fem. neut. plur.
nom. der die das die
acc. den die das die
dat. dem der dem denen
gen. dessen deren dessen deren

Contrary Contractions

An apostrophe replaces the missing e in contractions like kann's, ich's, and war's, but not in prepositional contractions like übers, ins, and ans. When the final e of a first-person singular verb form is dropped, it is replaced by an apostrophe.

* * * * *

Here are some of the prepositions that take genitive objects:

(an)statt - instead of

außerhalb - outside

diesseits - on this side of

innerhalb - inside

jenseits - on that side of

trotz - despite

während - during

wegen - because of

The genitive case is also used to show possession and belonging to. Examples:

das Auto meines Vaters (my father's car),

das Ende der Brücke (the end of the bridge). Von (w/ dat.) is often used instead of the genitive to show possession.

* * * * *

Dieser and jeder are declined as follows:

  masc. fem. neut. plur.
nom. dieser diese dieses diese
acc. diesen diese dieses diese
dat.  diesem dieser diesem diesen
gen. dieses dieser dieses dieser
         
nom. jeder jede jedes  
acc. jeden jede jedes  
dat.  jedem jeder jedem  
gen. jedes jeder jedes  

 

Rapunzel

 

"Alsbald fielen die 

Haare herab, und der 

Königssohn stieg 

hinauf."

 

e Angst (¨-e) - fear

blaß - pale

r Blick (-e) - look

empfinden (a, u) - feel, perceive, sense

sich entschließen (o, -ossen) - decide

Was fehlt dir? - What's wrong with you?

gewaltig - powerful(ly); vehement(ly)

s Haar (-e) - hair

e Hoffnung (-en) - hope

klettern - climb

e Kräuter (pl.) - herbs

losbinden (a, u) - untie

e Macht (¨-e) - power

e Mauer (-n) - wall

prächtig - splendid

e Rapunzel (-n) - lamb's lettuce

sogleich - right away

sorgen für - care for, take care of

stehlen (ie; a, o) - steal

s Verlangen - desire; craving

wagen - dare

weder...noch: neither...nor

wickeln - wrap

r Wunsch (¨-e) - wish

wünschen - wish

e Zauberin (-nen) - sorcer- ess

r Zorn - anger

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die sich schon lange vergeblich ein Kind wünschten. Endlich machte sich die Frau Hoffnung, der liebe Gott werde ihren Wunsch erfüllen. Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster. Daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte und von aller Welt gefürchtet wurde.

Eines Tages stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war. Und sie sahen so frisch und grün aus, daß sie lüstern wurde und das größte Verlangen empfand, von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wußte, daß sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blaß und elend aus.

vergeblich: to no avail
werde erfüllen: (future subjunctive I)
Hinterhaus: back part of the house
hohen: high (from hoch)
Beet: bed
bepflanzt: planted (cf Lexical Note on the next page)
sahen aus: looked
lüstern: desirous
nahm zu: increased
da: since (conj.)
fiel ab: grew thin
elend: miserable

Da erschrak der Mann und fragte: "Was fehlt dir, liebe Frau?"

"Ach", antwortete sie, "wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Hause zu essen kriege, so sterbe ich."

Der Mann, der sie lieb hatte, dachte: "Eh du deine Frau sterben läßt, holst du ihr von den Rapunzeln, es mag kosten, was es will."

In der Abenddämmerung stieg er also über die Mauer in den Garten der Zauberin, stahl in aller Eile eine Handvoll Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich sogleich Salat daraus und aß sie in voller Begierde auf.

eh = ehe: before (conj.)
es mag...will: no matter what it costs
Abenddämmerung: dusk
Begierde: desire

Sie hatten ihr aber so gut, so gut geschmeckt, daß sie den andern Tag noch dreimal soviel Lust bekam. Sollte sie Ruhe haben, so mußte der Mann noch einmal in den Garten steigen. Er machte sich also in der Abenddämmerung hinab; als er aber die Mauer herabgeklettert war, erschrak er gewaltig, denn er sah die Zauberin vor sich stehen. "Wie kannst du es wagen", sprach sie mit zornigem Blick, "in meinen Garten zu steigen und wie ein Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen? Das soll dir schlecht bekommen."

"Ach", antwortete er, "laßt Gnade für Recht ergehen, ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen. Meine Frau hat Eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt, und empfindet ein so großes Gelüsten, daß sie sterben würde, wenn sie nicht davon zu essen bekäme."

Da ließ die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm: "Verhält es sich so, wie du sagst, so will ich dir gestatten, Rapunzeln mitzunehmen, soviel du willst, allein ich mache eine Bedingung: du mußt mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will für es sorgen wie eine Mutter."

Lust: desire
Sollte sie: If she was to
machte sich hinab: went down
Dieb: thief
Das soll...bekommen: you will suffer for that
laßt Gnade...ergehen: show mercy
dazu: to do that
Gelüsten: craving
wenn sie...bekäme: (unreal condition, present time)
ließ nach: relented
Verhält es sich: If it is
gestatten: allow
allein: but 
Bedingung: condition

 

 

Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als die Frau in Wochen kam, so erschien sogleich die Zauberin, gab dem Kind den Namen Rapunzel und nahm es mit sich fort.

Rapunzel wurde das schönste Kind unter der Sonne. Als es zwölf Jahre alt war, schloß es die Zauberin in einen Turm, der in einem Walde lag, und weder Treppe noch Tür hatte, nur ganz oben war ein kleines Fensterchen. Wenn die Zauberin hinein wollte, so stellte sie sich unten hin und rief:

"Rapunzel, Rapunzel, laß mir dein Haar herunter."

Rapunzel hatte lange prächtige Haare, fein wie gesponnenes Gold. Wenn sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie ihre Zöpfe los, wickelte sie oben um einen Fensterhaken, und dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf.

sagte alles zu: agreed to everything
in Wochen kam: delivered
Fensterhaken: window hook
Ellen: yards

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Was hatten sich der Mann und die Frau schon lange gewünscht?

2. Wie würden Sie den Garten beschreiben, der hinter ihrem Haus lag?

3. Warum wagte niemand hineinzugehen?

4. Was empfand die Frau, als sie eines Tages in den Garten hinabsah?

5. Warum entschloß sich ihr Mann, die Rapunzeln zu stehlen?

6. Wie er in den Garten?

7. Wie erging es ihm im Garten?

8. Wie aß die Frau die Rapunzeln und wie schmeckten sie ihr?

9. Warum stieg der Mann ein zweites Mal in den Garten?

10. Was für ein Unglück betraf ihn?

11. Wie drohte ihm die Zauberin?

12. Wie verteidigte sich der Mann?

13. Unter welcher Bedingung durfte der Mann so viele Rapunzeln nehmen, wie er wollte?

14. Was versprach die Zauberin?

15. Was machte die Zauberin, nachdem die Frau ein Kind zur Welt gebracht hatte?

16. Was läßt sich von der Schönheit Rapunzels sagen?

17. Wohin brachte die Zauberin Rapunzel, als diese zwölf Jahre alt war?

18. Was fehlte an dem Turm?

19. Was machte Rapunzel jedesmal, wenn die

Zauberin ihr Sprüchlein sagte?

20. Wie kam die Zauberin nach oben, wo Rapunzel war?

abschneiden (schnitt ab, abgeschnitten) - cut off

anfangs - at first

bekannt - known, familiar; well known

blind - blind

r Dorn (two pl.: ¨-er, -en) - thorn

dunkel - dark

empfangen (ä; i, a) - receive

flechten (flicht; o, o) - weave

r Gesang (¨-e) - song

e Haarflechte (-n) - braid of hair

heim - (verb prefix) home

r Jammer - misery; sorrow

e Träne (-n) - tear

verlieren (o, o) - lose

versuchen - try

zuhören - listen

r Zwilling (-e) - twin

jammern - lament; wail

jedesmal - each time

e Katze (-n) - cat

e Leiter (-n) - ladder

s Nest (-er) - nest

s Pferd (-e) - horse

reiten (ritt, geritten) - ride (horseback)

rühren - stir, move, touch

r Schmerz (-en) - pain

e Seide - silk

süß - sweet

Nach ein paar Jahren trug es sich zu, daß der Sohn des Königs durch den Wald ritt und an dem Turm vorüberkam. Da hörte er einen Gesang, der so lieblich war, daß er still hielt und horchte. Das war Rapunzel, die in ihrer Einsamkeit sich die Zeit damit vertrieb, ihre süße Stimme erschallen zu lassen.

Der Königssohn wollte zu ihr hinaufsteigen und suchte nach einer Tür des Turms, aber es war keine zu finden. Er ritt heim, doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz gerührt, daß er jeden Tag hinaus in den Wald ging und zuhörte. Als er einmal so hinter einem Baum stand, sah er, daß eine Zauberin herankam und hörte, wie sie hinaufrief:

"Rapunzel, Rapunzel, laß dein Haar herunter."

Da ließ Rapunzel die Haarflechten herab, und die Zauberin stieg zu ihr hinauf.

horchte: listened
Einsamkeit: loneliness
die Zeit vertrieb: passed away the time
erschallen: sound
herankam: was approaching

 

 

 

"Ist das die Leiter, auf welcher man hinaufkommt, so will ich auch einmal mein Glück versuchen." Und den folgenden Tag, als es anfing dunkel zu werden, ging er zu dem Turme und rief:

"Rapunzel, Rapunzel, laß dein Haar herunter."

Alsbald fielen die Haare herab, und der Königssohn stieg hinauf.

Anfangs erschrak Rapunzel gewaltig, als ein Mann zu ihr hereinkam, wie ihre Augen noch nie einen erblickt hatten. Doch der Königssohn fing an ganz freundlich mit ihr zu reden und erzählte ihr, daß von ihrem Gesang sein Herz so sehr bewegt worden sei, daß es ihm keine Ruhe gelassen und er sie selbst habe sehen müssen.

alsbald: immediately
wie ihre Augen ... erblickt hatten: because her eyes had never seen one (a man) before
bewegt worden sei: (past subjunctive I, passive) had been moved
habe sehen müssen: (past subjunctive I, double-infinitive construction) had to see

Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte, ob sie ihn zum Mann nehmen wollte, und sie sah, daß er jung und schön war, so dachte sie: "Der wird mich lieber haben als die alte Frau Gotel", und sagte ja, und legte ihre Hand in seine Hand. Sie sprach: "Ich will gerne mit dir gehen, aber ich weiß nicht, wie ich herabkommen kann. Wenn du aber kommst, so bringe jedesmal einen Strang Seide mit, daraus will ich eine Leiter flechten, und wenn die fertig ist, so steige ich herunter und du nimmst mich auf dein Pferd."

Sie verabredeten, daß er bis dahin alle Abende zu ihr kommen sollte, denn bei Tag kam die Alte. Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel anfing und zu ihr sagte: "Sag sie mir doch, Frau Gotel, wie es nur kommt, sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als der junge Königssohn; der ist in einem Augenblick bei mir."

"Ach, du gottloses Kind", rief die Zauberin, "was muß ich noch von dir hören. Ich dachte, ich hätte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen!"

mich lieber haben: like me better
Strang: skein
verabredeten: agreed
anfing: began talking
Sag sie mir = Sagen Sie mir
geschieden: separated

In ihrem Zorne packte sie die schönen Haare der Rapunzel, schlug sie ein paar Mal um ihre linke Hand, griff eine Schere mit der rechten, und ritsch, ratsch waren sie abschnitten, und die schönen Flechten lagen auf der Erde. Und sie war so unbarmherzig, daß sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte, wo sie in großem Jammer und Elend leben mußte.

Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstoßen hatte, machte abends die Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben am Fensterhaken fest, und als der Königssohn kam und rief: 

"Rapunzel, Rapunzel, laß dein Haar herunter", 

so ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf, aber er fand oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit bösen und giftigen Blicken ansah. "Aha", rief sie höhnisch, "du willst die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr. Die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken."

schlug: wrapped 
linke: left
griff: seized
ritsch, ratsch: slish, slash
unbarmherzig: merciless
Wüstenei: desert
Elend: misery
verstoßen: cast out 
machte fest: secured
höhnisch: scornfully
die Frau Liebste: your sweetheart
auskratzen: scratch out

 

Der Königssohn geriet außer sich vor Schmerzen, und in der Verzweiflung sprang er den Turm herab. Das Leben brachte er davon, aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen. Da irrte er blind im Walde umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren, und tat nichts als jammern und weinen über den Verlust seiner liebsten Frau.

So wanderte er einige Jahre im Elend umher und geriet endlich in die Wüstenei, wo Rapunzel mit den Twilling, die sie geboren hatte, einem Knaben und Mädchen, kümmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und sie deuchte ihn so bekannt, da ging er darauf zu, und wie er herankam, erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Tränen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und er konnte damit sehen wie sonst. Er führte sie in sein Reich, wo er mit Freude empfangen wurde, und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt.

geriet außer sich: was beside himself
Verzweiflung: despair
Das Leben brachte er davon: he came away with his life 
zerstachen: pierced
irrte umher: wandered about 
nichts als: nothing but
Verlust: loss
geriet: came
kümmerlich: wretchedly 
vernahm: heard
deuchte ihn: seemed to him
herankam: approached
benetzten: moistened
Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Wer kam nach ein paar Jahren an dem Turm vorbei?

2. Warum hielt er an?

3. Warum ging der Königssohn nicht zu Rapunzel hinauf?

4. Was machte er jeden Tag danach?

5. Was sah und hörte er eines Tages?

6. Wie kam er dann am folgenden Tag zu Rapunzel hinauf?

7. Wodurch verlor Rapunzel die Angst, die sie angfangs gehabt hatte?

8. Warum sagte sie ja, als der Königssohn sie fragte, ob sie ihn zum Mann nehmen wollte?

9. Wie würde es ihr möglich sein, aus dem Turm hinauszusteigen?

10. Wodurch merkte die Zauberin, daß der junge Königssohn in den Turm gekommen war?

11. Was glaubte die Zauberin, geleistet zu haben, als sie Rapunzel in den Turm schloß?

12. Was machte die zornige Zauberin mit den schönen Haaren Rapunzels?

13. Wohin brachte sie Rapunzel?

14. Warum band die Zauberin die abgeschnittenen Flechten am Fensterhaken fest?

15. Wer war denn die Katze, von der die Zauberin sprach?

16. Wer war der Vogel?

17. Was wollte die Katze dem Königssohn an

tun?

18. Was geschah dem Königssohn, als er von dem Turm herabsprang?

19. Wie war sein Leben als Blinder?

20. Wie kam es, daß er Rapunzel fand?

21. Was geschah, als Rapunzels Tränen in die Augen des Königssohns flossen?

22. Wohin gingen die beiden?

Zeichnen Sie "Rapunzel" als Bildergeschichte, mit Worten natürlich!
 

 

 

     
 

 

 

     
 

 

 

     

Getting with Grammar

In general, the comparative and superlative degrees of German adjectives and adverbs are formed by adding -er and -ste, resp., to the positive degree. Examples:

Positive klein interessant
Comparative kleiner interessanter
Superlative kleinste interessanteste

One-syllable adjectives and adverbs usually "umlaut" the vowel of the comparative and superlative forms. Examples:

Positive groß alt klug
Comparative größer älter klüger
Superlative größte älteste klügste

Among the most-used irregular adjectives and adverbs are the following:

Positive gut viel hoch gern
Comparative besser mehr höher lieber
Superlative beste meiste höchste am liebsten

Hänsel und Gretel

 
"Hänsel aber hatte . . . 

immer einen von den 

blanken Kieselsteinen 

aus seiner Tasche auf 

den Weg geworfen."

abholen - pick up, call for

anmachen - turn on; light (a fire)

anziehen (zog an, ange- zogen) - put on (clothes)

sich ausruhen - rest

r Ast (¨-e) - limb

e Axt (¨-e) - ax

r Berg (-e) - mountain

s Brett (-er) - board

s Dach (¨-er) - roof

frieren (o, o) - freeze; be cold

glänzen - sparkle

hauen (hieb, gehauen) - hack, cut

r Kieselstein (-e) - pebble

Mittag (-e) - noon

mitten in (w/ dat./acc.) - in(to) the middle of

r Mond (-e) - moon

e Müdigkeit - fatigue

in der (die) Nähe - near

r Schlag (¨-e) - blow, stroke

seufzen - sigh

s Stück (-e) - piece

e Tasche (-n) - pocket; purse

trösten - console

vorher - before, previously

wecken - wake (tr.)

eine Weile - a while

r Wind (-e) - wind

zeigen - show

 

Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er auch das tägliche Brot nicht mehr schaffen.

Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: "Was soll aus uns werden? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren, da wir für uns selbst nichts mehr haben?"

"Weißt du was, Mann", antwortete die Frau, "wir wollen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot; dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg wieder nicht nach Haus, und wir sind sie los."

Holzhacker: woodcutter
Bübchen = kleiner Junge
beißen und brechen: eat
Teuerung: famine
täglich: daily
schaffen: provide
sich Gedanken machte: wondered
sich herumwälzte: tossed and turned
ernähren: nourish
in aller Frühe: very early
am dicksten: densest
wir sind sie los: we are rid of them

"Nein, Frau", sagte der Mann, "das tue ich nicht. Wie sollt' ich’s übers Herz bringen, meine Kinder im Walde allein zu lassen? Die wilden Tiere würden bald kommen und sie zerreißen."

"O du Narr", sagte sie, "dann müssen wir alle viere Hungers sterben, du kannst nur die Bretter für die Särge hobeln", und ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilligte.

"Aber die armen Kinder dauern mich doch", sagte der Mann.

Die zwei Kinder hatten vor Hunger auch nicht einschlafen können und hatten gehört, was die Stiefmutter zum Vater gesagt hatte. Gretel weinte bittere Tränen und sprach zu Hänsel: "Nun ist’s um uns geschehen."

übers Herz bringen: find it in my hear
Narr: foolt
Hungers sterben: die of hunger
hobeln: plane
einwilligte: consented
die armen Kinder dauern mich: I feel sorry for the poor children
vor Hunger: because of hunger
hatten nicht einschlafen können: (double-infinitive construction) had not be able to fall asleep
Nun ist's um uns geschehen: now we are done for

"Still, Gretel", sprach Hänsel, "gräme dich nicht, ich will uns schon helfen." Und als die Alten eingeschlafen waren, stand er auf, zog ein Röcklein an, machte die Untertür auf und schlich sich hinaus. Da schien der Mond ganz hell, und die weißen Kieselsteine, die vor dem Haus lagen, glänzten wie lauter Batzen. Hänsel bückte sich und steckte so viele in sein Rocktäschlein, als nur hinein wollten. Dann ging er wieder zurück und sprach zu Gretel: "Sei getrost, liebes Schwesterchen, und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht verlassen", und legte sich wieder in sein Bett.

Als der Tag anbrach, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kam schon die Frau und weckte die beiden Kinder: "Steht auf, ihr Faulenzer, wir wollen in den Wald gehen und Holz holen." Dann gab sie jedem ein Stückchen Brot und sprach: "Da habt ihr etwas für den Mittag, aber eßt’s nicht vorher auf, weiter kriegt ihr nichts."

gräme dich nicht: don't grieve
Röcklein: little coat
Untertür: downstairs door
hell: bright
Batzen: an old German coin
Rocktäschlein: little coat pocket
als nur hinein wollten: as would go in
Sei getrost: cheer up
anbrach: broke
Faulenzer: loafer
weiter kriegt ihr nichts: you'll get nothing more

 

 

Gretel nahm das Brot unter die Schürze, weil Hänsel die Steine in der Tasche hatte. Danach machten sie sich alle zusammen auf den Weg nach dem Wald. Als sie ein Weilchen gegangen waren, stand Hänsel still und guckte nach dem Haus zurück und tat das wieder und immer wieder. Der Vater sprach: "Hänsel, was guckst du da und bleibst zurück. Hab acht und vergiß deine Beine nicht."

"Ach, Vater", sagte Hänsel, "ich sehe nach meinem weißen Kätzchen, das oben auf dem Dach sitzt und mir Ade sagen will."

Die Frau sprach: "Narr, das ist dein Kätzchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint." Hänsel aber hatte nicht nach dem Kätzchen gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen.

Schürze: apron
machten sich auf den Weg: set out
guckte: looked
immer wieder: again and again
was: warum
Hab acht: Pay attention

 

 

 

 

 

Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater: "Nun sammelt Holz, ihr Kinder, ich will ein Feuer anmachen, damit ihr nicht friert."

Hänsel und Gretel trugen Reisig zusammen, einen kleinen Berg hoch. Das Reisig wurde angezündet, und als die Flamme recht hoch brannte, sagte die Frau: "Nun legt euch ans Feuer, ihr Kinder, und ruht euch aus. Wir gehen in den Wald und hauen Holz. Wenn wir fertig sind, kommen wir wieder und holen euch ab."

Hänsel und Gretel saßen am Feuer, und als der Mittag kam, aß jedes ein Stücklein Brot. Und weil sie die Schläge der Holzaxt hörten, so glaubten sie, ihr Vater wäre in der Nähe. Es war aber nicht die Holzaxt, es war ein Ast, den er an einen dürren Baum gebunden hatte, und den der Wind hin und her schlug. Und als sie so lange gesessen hatten, fielen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und sie schliefen fest ein.

Reisig: brushwood
brannte: burned
dürr: dry
hin und her: back and forth
fielen zu: closed

Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht. Gretel fing an zu weinen und sprach: "Wie sollen wir nun aus dem Wald kommen!"

Hänsel aber tröstete sie: "Wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann wollen wir den Weg schon finden." Und als der volle Mond aufgestiegen war, so nahm Hänsel sein Schwesterchen an der Hand und ging den Kieselsteinen nach, die wie neugeschlagene Batzen schimmerten und ihnen den Weg zeigten.

Sie gingen die ganze Nacht hindurch und kamen bei anbrechendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus. Sie klopften an die Tür, und als die Frau aufmachte und sah, daß es Hänsel und Gretel war, sprach sie: "Ihr bösen Kinder, was habt ihr so lange im Walde geschlafen. Wir haben geglaubt, ihr wolltet gar nicht wiederkommen." Der Vater aber freute sich, denn es war ihm zu Herzen gegangen, daß er sie so allein zurückgelassen hatte.

erwachten: awoke
finster: dark
aufgestiegen war: had climbed
ging den Kieselsteinen nach: followed the pebbles
wie neugeschlagene Batzen schimmerten: glimmered like newly minted coins
die ganze Nacht hindurch: throughout the night 
bei einbrechendem Tag: at the break of day 
zu ihres Vaters Haus: (In the fairy tales, the genitive often precedes the noun to which it pertains.)  
was: why (colloquial)  
es war ihm zu Herzen gegangen: it had moved his heart

 

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Warum glaubte der Vater, die Kinder nicht mehr ernähren zu können?

2. Was wollte seine Frau mit den Kindern tun?

3. Was hatte der Vater gegen diesen Vorschlag der Frau ?

4. Warum willigte der Mann doch endlich ein?

5. Wie konnten die Kinder erfahren, was die Eltern mit ihnen tun wollten?

5. Was machte Hänsel, als er mitten in der Nacht aus dem Haus ging?

6. Was gab die Frau jedem der beiden Kinder, bevor sie am anderen Morgen das Haus verließen?

7. Was antwortete Hänsel, als sein Vater ihn auf dem Weg fragte, warum er immer wieder nach dem Haus zurückschaue?

8. Was machte er wirklich, indem er sich umdrehte?

9. Was sagten Mann und Frau zu den Kindern, bevor sie weggingen und die Kinder allein ließen?

10. Warum glaubten die Kinder, daß die Eltern noch in der Nähe seien?

11. Wie haben die Kinden den Weg nach Hause gefunden?

12. Freuten sich die Eltern, als die Kinder am anderen Morgen ankamen?

 
bauen - build

s Bröckchen (-) - morsel; crum

danach - after that, after- wards

erwachen - awaken (intr.)

e Fensterscheibe (-n) - window pane

finster - dark

r Flügel (-) - wing

gelangen - reach, attain

s Gespräch (-e) - conversa- tion

hell - bright

herankommen (a, o) - approach

e Hilfe (-n) - help

himmlisch - heavenly

in die Höhe - up

hören auf (w/ acc.) - listen to

knuspern - nibble

e Krücke (-n) - crutch

r Kuchen (-) - cake

r Laib (-e) - loaf (of bread)

s Lied (-er) - song

 

nachgeben (i; a, e) - give in`

sich niedersetzen - sit down

e Rettung (-en) - rescue

ruhig - calm, peaceful; quiet

schneeweiß - white as snow

teilen - share

verschließen (o, -ossen) -

lock

vorige - previous, last

wach - awake

r Zucker - sugar

Nicht lange danach war wieder Not in allen Ecken, und die Kinder hörten, wie die Mutter nachts im Bette zu dem Vater sprach: "Alles ist wieder aufgezehrt. Wir haben noch einen halben Laib Brot, hernach hat das Lied ein Ende. Die Kinder müssen fort, wir wollen sie tiefer in den Wald hineinführen, damit sie den Weg nicht wieder heraus finden; es ist sonst keine Rettung für uns."

Dem Mann fiel’s schwer aufs Herz, und er dachte: "Es wäre besser, daß du den letzten Bissen mit deinen Kindern teiltest." Aber die Frau hörte auf nichts, was er sagte, schalt ihn und machte ihm Vorwürfe. Wer A sagt, muß auch B sagen, und weil er das erste Mal nachgegeben hatte, so mußte er es auch zum zweiten Mal.

Die Kinder waren aber noch wach gewesen und hatten das Gespräch mit angehört. Als die Alten schliefen, stand Hänsel wieder auf, wollte hinaus und Kieselsteine auflesen wie das vorige Mal, aber die Frau hatte die Tür verschlossen, und Hänsel konnte nicht heraus. Aber er tröstete sein Schwesterchen und sprach: "Weine nicht, Gretel, und schlaf nur ruhig, der liebe Gott wird uns schon helfen."

Bissen: bit
schalt: scolded
machte ihm Vorwürfe: reproached him
mit: (adv.) also
auflesen: gather

 

 

 

 

Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bette. Sie erhielten ihr Stückchen Brot, das aber noch kleiner als das vorige Mal war. Auf dem Wege nach dem Wald bröckelte es Hänsel in der Tasche, stand oft still und warf ein Bröcklein auf die Erde. "Hänsel, was stehst du und guckst dich um", sagte der Vater. "Geh deiner Wege."

"Ich sehe nach meinem Täubchen, das auf dem Dache sitzt und mir Ade sagen will", antwortete Hänsel.

"Narr", sagte die Frau, "das ist dein Täubchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein oben scheint." Hänsel aber warf nach und nach alle Bröcklein auf den Weg.

Die Frau führte die Kinder noch tiefer in den Wald, wo sie ihr Lebtag noch nicht gewesen waren. Da wurde wieder ein großes Feuer angemacht, und die Mutter sagte: "Bleibt nur da sitzen, ihr Kinder, und wenn ihr müde seid, könnt ihr ein wenig schlafen. Wir gehen in den Wald und hauen Holz, und abends, wenn wir fertig sind, kommen wir und holen euch ab."

bröckelte: crumbled
Bröcklein: crumbs
guckst dich um: look around
Geh deiner Wege: Go about your business
nach und nach: little by little
ihr Lebtag: in their life

 

 

 

 

Als es Mittag war, teilte Gretel ihr Brot mit Hänsel, der sein Stück auf den Weg gestreut hatte. Dann schliefen sie ein, und der Abend verging, aber niemand kam zu den armen Kindern. Sie erwachten erst in der finstern Nacht, und Hänsel tröstete sein Schwesterchen und sagte: "Wart nur, Gretel, bis der Mond aufgeht, dann werden wir die Brotbröcklein sehen, die ich ausgestreut habe. Die zeigen uns den Weg nach Haus."

Als der Mond kam, machten sie sich auf, aber sie fanden kein Bröcklein mehr, denn die vieltausend Vögel, die im Walde und im Felde umherfliegen, die hatten sie weggepickt. Hänsel sagte zu Gretel: "Wir werden den Weg schon finden", aber sie fanden ihn nicht.

Sie gingen die ganze Nacht und noch einen Tag von Morgen bis Abend, aber sie kamen aus dem Wald nicht heraus und waren so hungrig, denn sie hatten nichts als die paar Beeren, die auf der Erde standen. Und weil sie so müde waren, daß die Beine sie nicht mehr tragen wollten, so legten sie sich unter einen Baum und schliefen ein.

verging: passed
ausgestreut: scattered
machten sie sich auf: they set out
weggepickt: pecked away

 

 

 

 

 

 

Nun war’s schon der dritte Morgen, daß sie ihres Vaters Haus verlassen hatten. Sie fingen wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer tiefer in den Wald, und wenn nicht bald Hilfe kam, so mußten sie verschmachten.

Als es Mittag war, sahen sie ein schönes schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen, das so schön sang, daß sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nah herankamen, so sahen sie, daß das Häuslein aus Brot gebaut war und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker. "Da wollen wir uns dran machen", sprach Hänsel", und eine gesegnete Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, und du kannst vom Fenster essen. Das schmeckt süß."

gerieten: got
verschmachten: die
schwang: swung
flog vor ihnen her: flew ahead of them
Da...machen: let's get at it
eine gesegnete Mahlzeit halten: have a blessed meal

 

Hänsel reichte in die Höhe und brach sich ein wenig vom Dach ab, um zu versuchen, wie es schmeckte, und Gretel stellte sich an die Scheiben und knupperte daran. Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus:

"Knupper knupper kneischen’

wer knupert an meinem Häuschen?"

Die Kinder antworteten:

Der Wind, der Wind,

das himmlische Kind",

und aßen weiter, ohne sich irre machen zu lassen. Hänsel, dem das Dach sehr gut schmeckte, riß sich ein großes Stück davon herunter, und Gretel stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte sich nieder und tat sich wohl damit. Da ging auf einmal die Tür auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam herausgeschlichen.

Scheiben: (window) panes
knupperte: nibbled
kneischen: (perhaps a nonsense word, chosen to rhyme with Häuschen)
ohne sich...lassen: without becoming perplexed 
riß herunter: tore down  
stieß heraus: poked out  
tat sich wohl damit: enjoyed it  
steinalt: as old as the hills  
stützte: supported  
kam heraus- geschlichen: came creeping out

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Was wollte Hänsel machen, nachdem er und seine Schwester noch einmal nachts im Bett die Eltern hatten sprechen hören?

2. Warum gelang es ihm diesmal nicht, Kieselsteine zu bekommen?

3. Was machte Hänsel mit dem Stück Brot, das ihm die Frau gegeben hatte?

4. Wohin führte die Frau diesmal die Kinder?

5. Was sagte sie ihnen, ehe sie wegging?

6. Was machten die Kinder, nachdem die Eltern weggegangen waren?

7. Was wollten sie machen, nachdem der Mond aufging? Warum ging das nicht?

8. Wie lange gingen sie durch den Wald? Was hatten sie zu essen?

9. Was für einen Vogel sahen sie dann am dritten Tag?

10. Wohin führte sie der Vogel?

11. Wie war das Haus gebaut?

12. Was fingen die Kinder an zu tun?

13. Welche Teile des Hauses aßen sie zuerst?

14. Was für eine Stimme hörten sie? Woher kam diese Stimme?

15. Was fragte die Stimme?

16. Was machten die Kinder, als sie die Stimme hörten?

17. Warum stieß Gretel die runde Fensterscheibe heraus?

18. Wer kam aus dem Haus?

 
r Apfel (¨) - apple

e Backe (-n) - cheek

backen (ä; backte, gebacken) - bake

bitterlich - bitterly

bloß - mere(ly)

e Brücke (-n) - bridge

einsperren - lock up, lock in

e Ente (-n) - duck

fallen lassen (ä; ie, a) - drop

r Festtag (-e) - holiday

fett - fat

fühlen - feel

e Gans (¨-e) - goose

geschehen (ie; a, e) - happen

e Gewalt (-en) - power

e Handvoll (-) - handfull

herbeilocken - lure

heulen - howl

r Kessel (-) - kettle

r Knochen (-) - bone

mager - thin

e Öffnung (-en) - opening

r Pfannekuchen (-) -

pancake

schlachten - slaughter

e Schürze (-n) - apron

schwimmen (a, o) - swim; float

r Stall (¨-e) - stall; stable

r Stoß (¨-sse) - push; punch;

shove; poke

zumachen - close

 

Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, daß sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopfe und sprach: "Ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht? Kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch keid Leid." Sie faßte beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da wurde gutes Essen aufgetragen. Milch und Pfannekuchen mit Zucker, Äpfel und Nüsse. Hernach wurden zwei schöne Bett- lein weiß gedeckt, und Hänsel und Gretel legten sich hinein und meinten, sie wären im Himmel.

Die Alte hatte sich nur so freundlich ange- stellt, sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte, und hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie herbeizulocken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung wie die Tiere und merken’s, wenn Menschen herankommen. Als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, da lachte sie boshaft und sprach höhnisch: "Die habe ich, die sollen mir nicht wieder entwischen."

wackelte mit dem Kopfe: shook her head  
Ei: Indeed!
Leid: harm  
faßte an der Hand: took by the hand  
aufgetragen: served
Hernach: after that
hatte sich angestellt: had pretended to be
auflauerte: lay in wait
Witterung: sense of smell
boshaft: maliciously
höhnisch: scornfully
entwischen: escape

Früh morgens, ehe die Kinder erwacht waren, stand sie schon auf, und als sie beide so lieblich ruhen sah, mit den vollen roten Backen, so murmurlte sie vor sich hin: "Das wird ein guter Bissen werden." Da packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gittertür ein. Er mochte schreien, wie er wollte, es half ihm nichts.

Dann ging sie zur Gretel, rüttelte sie wach und rief: "Steh auf, Faulenzerin, trag Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes! Der sitzt draußen im Stall und soll fett werden. Wenn er fett ist, so will ich ihn essen." Gretel fing an bitterlich zu weinen, aber es war alles vergeblich; sie mußte tun, was die böse Hexe verlangte.

murmelte vor sich hin: muttered to herself  
Bissen: mouthful  
dürr: skinny  
Gittertür: door with iron bars 
Er mochte...wollte: No matter how much he screamed
rüttelte: shook 
Faulenzerin: loafer
vergeblich: of no avail

 

Nun wurde dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, aber Gretel bekam nichts als Krebsschalen. Jeden Morgen schlich die Alte zu dem Ställchen und rief: "Hänsel, streck deine Finger heraus, damit ich fühle, ob du bald fett bist." Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen und meinte, es wären Hänsels Finger, und verwunderte sich, daß er gar nicht fett werden wollte.

Als vier Wochen herum waren, und Hänsel immer mager blieb, da übernahm sie die Ungeduld, und sie wollte nicht länger warten. "Heda, Gretel", rief sie dem Mädchen zu, "sei flink und trag Wasser. Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen."

Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen, als sie das Wasser tragen mußte, und wie flossen ihr die Tränen über die Backen herunter! "Lieber Gott, hilf uns doch", rief sie aus. Hätten uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, so wären wir doch zusammen gestorben."

Krebsschalen: crab shells
streck heraus: stretch out
trübe: murky
verwunderte sich: was surprised
nicht wollte: wasn't
herum waren: had gone by
übernahm sie die 
Ungeduld: she was overcome with impatience
Heda: Hey! 
rief sie dem Mädchen zu: she called to the girl 
flink: quick  
Hänsel...sein: no matter if Hänsel is fat or skinny
Hätten uns nur...: If only...

 

 

 

"Spar nur dein Geblärre", sagte die Alte, "es hilft dir alles nichts."

Früh morgens mußte Gretel heraus, den Kessel mit Wasser aufhängen und Feuer anzünden. "Erst wollen wir backen", sagte die Alte. "Ich habe den Backofen schon eingeheizt und den Teig geknetet." Sie stieß die arme Gretel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen schon herausschlugen. "Kriech hinein", sagte die Hexe, und sieh zu, ob recht eingeheizt ist, damit wir das Brot hineinschieben können." Und wenn Gretel darin war, wollte sie den Ofen zumachen, und Gretel sollte darin braten, und dann wollte sie sie auch aufessen.

Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte, und sprach: "Ich weiß nicht, wie ich’s machen soll. Wie komm’ ich da hinein?"

spar: spare 
Geblärre: bawling
aufhängen: hang up
Backofen: (baking) oven
eingeheizt: warmed up 
geknetet: kneaded
herausschlugen: lept out
 sieh zu: see
braten: roast
sie aufessen: eat her up
im Sinn hatte: had in mind

 

 

"Dumme Gans", sagte die Alte, "die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein", krabbelte heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Gretel einen Stoß, daß sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! da fing sie an zu heulen, ganz grauselig. Aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe mußte elendiglich verbrennen.

Gretel aber lief schnurstracks zum Hänsel, öffnete sein Ställchen und rief: "Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot." Da sprang Hänsel heraus wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Tür aufgemacht wird. Wie haben sie sich gefreut, sind sich um den Hals gefallen, und herumgesprungen und haben sich geküßt! Und weil sie sich nicht mehr zu fürchten brauchten, so gingen sie in das Haus der Hexe hinein. Da standen in allen Ecken Kasten mit Perlen und Edelsteinen.

krabbelte heran: crawled ahead
weit hineinfuhr: went way in  
schob den Riegel vor: fastened the bar  
Hu!: Whew! 
grauselig: horribly
elendiglich: miserably
schnurstracks: at once
Käfig: cage

 

 

 

 

 

"Die sind noch besser als Kieselsteine", sagte Hänsel und steckte in seine Taschen, was hinein wollte, und Gretel sagte: "Ich will auch etwas mit nach Haus bringen", und füllte sich ihr Schürzchen voll.

"Aber jetzt wollen wir fort", sagte Hänsel, "damit wir aus dem Hexenwald herauskommen."

Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten sie an ein großes Wasser. "Wir können nicht hinüber", sprach Hänsel. "Ich sehe keinen Steg und keine Brücke."

"Hier fährt auch kein Schiffchen", antwortete Gretel, "aber da schwimmt eine weiße Ente. Wenn ich die bitte, so hilft sie uns hinüber." Da rief sie:

"Entchen, Entchen,

da steht Gretel und Hänsel.

Kein Steg und keine Brücke,

nimm uns auf deinen weißen Rücken."

Wasser: body of water
Steg: foot bridge

 

Das Entchen kam auch heran, und Hänsel setzte sich auf und bat sein Schwesterchen, sich zu ihm zu setzen. "Nein", antwortete Gretel, es wird dem Entchen zu schwer. Es soll uns nacheinander hinüber bringen." Das tat das gute Tierchen, und als sie glücklich drüben waren und ein Weilchen fortgingen, da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus.

Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde gelassen hatte; die Frau aber war gestorben. Gretel schüttete ihr Schürzchen aus, daß die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der andern aus seiner Tasche dazu.

Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen. Mein Märchen ist aus, dort läuft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große, große Pelzkappe daraus machen.

sich zu ihm zu setzen: sit down next to him
drüben: on the other side
kam ihnen vor: seemed to them
stürzten: rushed
seitdem: (conj.) since (temporal)
schüttete aus: dumped out
dazu: also
aus: finished
Pelzkappe: fur hood

 

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Was sagte die alte Frau, um die Kinder zu beruhigen?

2. Was gab sie den Kindern am ersten Abend zu essen?

3. Warum meinten die Kinder, sie wären im Himmel?

4. Was für eine Frau war die Alte wirklich?

5. Warum hatte sie das Brothäuslein gebaut?

6. Welche Tage waren für die Hexe Festtage?

7. Wen holte sie am anderen Morgen zuerst aus dem Bett?

8. Wo mußte Hänsel hin?

9. Warum sollte Gretel ihrem Bruder etwas Gutes kochen?

10. Warum ging die Alte jeden Morgen zu Hänsel?

11. Wie brachte Hänsel es fertig, die Hexe vier Wochen lang zu betrügen?

12. Was wollte die Alte tun, nachdem vier Wochen schon herum waren und Hänsel immer noch nicht fett war?

13. Was hatte die Hexe im Sinne, als sie Gretel sagte, sie solle nachsehen, ob der Ofen recht eingeheizt sei?

14. Wie tötete Gretel die Hexe?

15. Wohin ging Gretel dann und zu welchem Zweck?

16. Was machten die Kinder, als Hänsel aus seinem Stall herauskam?

17. Warum hatten sie keine Angst, wieder ins Haus hineinzugehen?

18. Was fanden im Hause?

19. Was machten sie mit den Perlen und Edelsteinen?

20. Was für ein Problem hatten sie auf dem Weg nach Hause?

21.Wie lösten sie das Problem?

22. Wie zeigten die Kinder, daß sie ihren Vater immer noch liebten?

23. Wie war es dem Mann und seiner Frau inzwischen ergangen?

24. Was machten die Kinder mit den Perlen und Edelsteinen, die sie mitgebracht hatten?

* * * * *

Vergleichen Sie dieses Märchen mit "Brüderchen und Schwesterchen", das auch von einem Bruder und einer Schwester handelt!

* * * * *

Erzählen Sie die Geschichte, wie sie Hänsel und Gretel ihrem Vater erzählen!

 

Getting with Grammar

Here are the two-way prepositions:

an - on (a vertical plane); to; at

auf - on (a horizontal plane); to

in - in, into

über - over, above; about

unter - below; among

vor - in front of

hinter - behind

neben - next to

zwischen - between

In general, these nine prepositions take accusative objects when there is motion toward the object of the preposition, and they take dative objects when there is no such motion. Examples: Sie stellte das Glas auf den Tisch. Das Glas steht immer noch auf dem Tisch.

 

The German past-perfect tense is composed of narrative-past forms of the helping verb haben or sein and the past participle of the verb whose past-perfect tense is being formed. Examples:

ich hatte gesagt (I had said)

du hattest gesagt (you had said)

er, sie, es hatte gesagt (he, she, it had said)

wir hatten gesagt (we had said)

ihr hattet gesagt (you all had said)

sie, Sie hatten gesagt (they, you had said)

* * * * *

ich war gelaufen (I had run)

du warst gelaufen (you had run)

er, sie, es war gelaufen (he, she, it had run)

wir waren gelaufen (we had run)

ihr wart gelaufen (you all had run)

sie, Sie waren gelaufen (they, you had run)


 

 

Die weiße    Schlange

 

"...da sah er auf einmal drei Fische daherschwimmen, und es waren keine andern als jene, welchen er das Leben gerettet hatte."

allerlei - all kinds of (things)

aufdecken - uncover

berühmt - famous

r Deckel (-) - lid

drohen - threaten

entlassen (ä; ie, a) - dismiss; release

e Fähigkeit (-en) - ability, capability

gerade - straight; just, exactly

horchen - listen, hearken

e Kammer (-n) - chamber

kosten - cost; taste, sample

e Lust (¨-e) - pleasure, delight

e Nachricht (-en) - (item of) news

e Neugierde - curiosity

r Ring (-e) - ring

e Schüssel (-n) - bowl

 

seltsam - strange

r Sperling (-e) - sparrow

r Täter (-) - doer, perpetrator

überall - everywhere

e Unschuld - innocence

r Verdacht - suspicion

vertraut - trusted

e Weisheit (-en) - wisdom

zudecken - cover

Es ist nun schon lange her, da lebte ein König, dessen Weisheit im ganzen Lande berühmt war. Nichts blieb ihm unbekannt, und es war, als ob ihm Nachricht von den verborgensten Dingen durch die Luft zugetragen würde. Er hatte aber eine seltsame Sitte. Jeden Mittag, wenn von der Tafel alles abgetragen und niemand mehr zugegen war, mußte ein vertrauter Diener noch eine Schüssel bringen. Sie war aber zugedeckt, und der Diener wußte selbst nicht, was darin lag, und kein Mensch wußte es, denn der König deckte sie nicht eher auf und aß nicht davon, bis er ganz allein war.

Es ist schon lange her: It was a long time ago / unbekannt: unknown / verborgensten: most hidden / zugetragen: conveyed / Sitte: custom / Tafel: table / abgetragen: removed / zugegen: present

 

Das hatte schon lange Zeit gedauert, da überkam eines Tages den Diener, der die Schüssel wieder wegtrug, die Neugierde, daß er nicht widerstehen konnte, sondern die Schüssel in seine Kammer brachte. Als er die Tür sorgfältig verschlossen hatte, hob er den Deckel auf, und da sah er, daß eine weiße Schlange darin lag. Bei ihrem Anblick konnte er die Lust nicht zurückhalten, sie zu kosten; er schnitt ein Stückchen davon ab und steckte es in den Mund.

Kaum aber hatte es seine Zunge berührt, so hörte er vor seinem Fenster ein seltsames Gewisper von feinen Stimmen. Er ging hin und horchte, da merkte er, daß es die Sperlinge waren, die miteinander sprachen und sich allerlei erzählten, was sie im Felde und Walde gesehen hatten. Der Genuß der Schlange hatte ihm die Fähigkeit verliehen, die Sprache der Tiere zu verstehen.

überkam: overcame / widerstehen: resist / sorgfältig: carefully / Bei ihrem Anblick: At the sight of it / Gewisper: whisper / verliehen: conferred / Sprache: language

Nun trug es sich zu, daß gerade an diesem Tage der Königin ihr schönster Ring fortkam und auf den vertrauten Diener, der überall Zugang hatte, der Verdacht fiel, er habe ihn gestohlen. Der König ließ ihn vor sich kommen und drohte ihm unter heftigen Scheltworten, wenn er bis morgen den Täter nicht zu nennen wüßte, so sollte er dafür angesehen und ge- richtet werden. Es half nichts, daß er seine Unschuld beteuerte, er wurde mit keinem besseren Bescheid entlassen.

der Königin ihr schönster Ring = der schönste Ring der Königin / fortkam: disappeared / Zugang: access / unter heftigen Scheltworten: with vehement invectives / bis morgen: by tomorrow / nicht...wüßte: was not able to name / gerichtet: executed / beteuerte: asserted / Bescheid: decision

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Warum war der König berühmt?

2. Welche seltsame Sitte hatte dieser König?

3. Warum wußte kein Mensch außer dem König, was unter dem Deckel war?

4. Was machte eines Tages der vertraute Diener des Königs, als ihn die Neugierde überkam?

5. Was fand der Diener unter dem Deckel?

6. Was machte er mit der weißen Schlange?

7. Was konnte der Diener sofort verstehen?

8. Warum fiel der Verdacht auf den Diener, als der schönste Ring der Königin verschwand?

9. Was mußte der Diener bis morgen machen?

 
absteigen (ie, ie) - dismount

an (w/ dat.)...vorbei - past (spatial)

bemerken - notice, observe; remark; say

beweisen (ie, ie) - prove

e Bitte (-n) - request

braten (brät; ie, a) - roast

e Ehrenstelle (-n) - place of honor

elend - wretched, miserable

erfüllen - fulfill

 

erlauben - permit

erretten - save

friedlich - peaceable

r Gefangene (-n, -n) - captive

e Klage (-n) - complaint

r Koch (¨-e) - cook

mitleidig - sympathetic

e Mühe (-n) - trouble; effort

obgleich - although

putzen - clean

s Reisegeld - travel money

s Rohr (-e) - reed; pipe, tube

r Schnabel (¨) - bill, beak

stehenbleiben (ie, ie) - stop

r Teich (-e) - pond

umkommen (kam um, o) - die

s Unrecht (-e) - injustice

sich auf den Weg machen - set out

wiegen (o, o) - weigh

zurufen (ie, u) (w/ dat.) - call to

 

In seiner Unruhe und Angst ging er hinab auf den Hof und bedachte, wie er sich aus seiner Not helfen könne. Da saßen die Enten an einem fließenden Wasser friedlich nebeneinander und ruhten. Sie putzten sich mit ihren Schnäbeln glatt und hielten ein vertrauliches Gespräch. Der Diener blieb stehen und hörte ihnen zu. Sie erzälten sich, wo sie heute morgen all herumgewackelt wären, und was für ein gutes Futter sie gefunden hätten. Da sagte eine verdrießlich: "Mir liegt etwas schwer im Magen. Ich habe einen Ring, der unter der Königin Fenster lag, in der Hast mit hinuntergeschluckt."

Da packte sie der Diener gleich beim Kragen, trug sie in die Küche und sprach zum Koch: "Schlachte doch diese ab, sie ist wohl genährt."

Unruhe: unrest / bedachte: considered / glatt: smooth / hielten: were carrying on / vertraulich: confidential / herumgewackelt wären: had waddled around / verdrießlich: vexedly / in der Hast: in my haste / packte sie beim Kragen: grabbed it by the neck / schlachte ab = schlachte / genährt: nourished

"Ja", sagte der Koch und wog sie in der Hand, "die hat keine Mühe gescheut, sich zu mästen, und schon lange darauf gewartet, gebraten zu werden." Er schnitt ihr den Hals ab, und als sie ausgenommen wurde, fand sich der Ring der Königin in ihrem Magen.

Der Diener konnte nun leicht vor dem Könige seine Unschuld beweisen, und da dieser sein Unrecht wieder gutmachen wollte, erlaubte er ihm, sich eine Gnade auszubitten, und versprach ihm die größte Ehrenstelle, die er sich an seinem Hofe wünschte. Der Diener schlug alles aus und bat nur um ein Pferd und Reisegeld, denn er hatte Lust die Welt zu sehen und eine Weile darin herumzuziehen.

 

hat keine Mühe gescheut: spared no efforts / mästen: fatten / ausgenommen: drawn (gutted) / wieder gutmachen: make up for / auszubitten: to ask for / schlug aus: declined / hatte Lust: wanted / herumzuziehen: to rove about

 

Als siene Bitte erfüllt wurde, machte er sich auf den Weg und kam eines Tages an einem Teich vorbei, wo er drei Fische bemerkte, die sich im Rohr gefangen hatten und nach Wasser schnappten. Obgleich man sagt, die Fische wären stumm, so vernahm er doch ihre Klage, daß sie so elend umkommen müßten. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, so stieg er vom Pferde ab und setzte die drei Gefangenen wieder ins Wasser. Sie zappelten vor Freude, streckten die Köpfe heraus und riefen ihm zu: "Wir wollen dir's gedenken und dir's vergelten, daß du uns errettet hast."

kam an einem Teich vorbei: came past a pond / schnappten: snatched / vernahm: heard / zappelten: wriggled / streckten heraus: stuck out / Wir wollen...vergelten: We will remember what you have done and repay you.

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Worüber dachte der Diener in seiner Not nach?

2. Warum ärgerte sich eine der Enten?

3. Wohin brachte der Diener diese Ente?

4. Was fand der Koch, als er die Ente aufgeschnitten hatte?

5. Was bot der König dem Diener als Wiedergutmachung an?

6. Worum bat der Diener?

7. Was bemerkte der Diener, als er eines Tages an einem Teich vorbeikam?

8. Wie half er den armen Fischen?

9. Was riefen ihm die dankbaren Fische zu?

 
e Ameise (-n) - ant

e Aufgabe (-n) - assign- ment; task

e Barmherzigkeit - mercy

ernähren - nourish

erwarten - expect

r Fuß (¨-e) - foot

gebrauchen - use

e Gefahr (-en) - danger

r Gemahl (-e) - husband

hilflos - helpless

hinzufügen - add; append

klagen - complain

s Korn (¨-er) - grain

r Lärm (-e) - noise

r Lohn (¨-e) - reward; pay

s Meer (-e) - sea

r Mund (¨-er) - mouth

retten - save

r Sack (¨-e) - sack

r Sand (-e) - sand

stolz - proud

r Strand (¨-e) - beach

überlegen (überlegt) - consider

s Ufer (-) - shore; bank

ungeschickt - awkward, clumsy

vernehmen (vernimmt; a, vernommen) - perceive; hear

vollbringen (vollbrachte, vollbracht) - achieve

es kommt mir vor, als (w/ subjunctive) - it seems to me as if

e Welle (-n) - wave

Er ritt weiter, und nach einem Weilchen kam es ihm vor, als hörte er zu seinen Füßen in dem Sand eine Stimme. Er horchte und vernahm, wie ein Ameisenkönig klagte: "Wenn uns nur die Menschen mit den ungeschickten Tieren vom Leib blieben! Da tritt mir das dumme Pferd mat seinen schweren Hufen meine Leute ohne Barmherzigkeit nieder!" Er lenkte auf einen Seitenweg ein, und der Ameisenkönig rief ihm zu: "Wir wollen dir's gedenken und dir's vergelten."

 vom Leib blieben: would keep off / Hufen: hoofs / tritt nieder: will trample down / Er lenkte...ein: He guided the horse onto a side path

Der Weg führte ihn in einen Wald, und da sah er einen Rabenvater und eine Rabenmutter, die standen bei ihrem Nest und warfen ihre Jungen heraus. "Fort mit euch, ihr Galgenschwengel", riefen sie, "wir können euch nicht mehr satt machen. Ihr seid groß genug, und könnt euch selbst ernähren." Die armen Jungen lagen auf der Erde, flatterten und schlugen mit den Fittichen und schrien: "Wir hilflosen Kinder, wir sollen uns selbst ernähren und können noch nicht fliegen! Was bleibt uns übrig, als hier Hungers zu sterben!" Da stieg der gute Jüngling ab, tötete das Pferd mit seinem Degen und überließ es den jungen Raben zum Futter. Die kamen herbeigehüpft, sättigten sich und riefen: "Wir wollen dir's gedenken und dir's vergelten."

Galgenschwengel: gallows-birds / flatterten: fluttered / Fittichen: wings / Was bleibt uns übrig, als...: What remains for us but... / Jüngling: young man / Degen: dagger / überließ: left to / kamen herbeigehüpft: came hopping up sättigten sich: ate their fill

 

Er mußte jetzt seine eigene Beine gebrauchen, und als er lange Wege gegangen war, kam er in eine große Stadt. Da war großer Lärm und Gedränge in den Straßen, und einer kam zu Pferde und machte bekannt, die Königstochter suche einen Gemahl. Wer sich aber um sie bewerben wolle, der müsse eine schwere Aufgabe vollbringen, und könne er es nicht glücklich ausführen, so habe er sein Leben verwirkt. Viele hatten es schon versucht, aber vergeblich ihr Leben daran gesetzt. Der Jüngling, als er die Königstochter sah, wurde von ihrer großen Schönheit so verblendet, daß er alle Gefahr vergaß, vor den König trat und sich als Freier meldete.

eigen: own / Gedränge: crowding / machte bekannt: announced / sich um sie bewerben: to woo her / glücklich ausführen: carry out successfully / verwirkt: forfeited / verblendet: blinded / sich als Freier meldete: came forward as a suitor 

 

Alsbald wurde er herauf ans Meer geführt, und vor seinen eigenen Augen wurde ein goldener Ring hineingeworfen. Dann hieß ihn der König diesen Ring aus dem Meeresgrund wieder hervorzuholen, und fügte hinzu: "Wenn du ohne ihn wieder in die Höhe kommst, so wirst du immer aufs neue hin- abgestürzt, bis du in den Wellen umkommst." Alle bedauerten den schönen Jungling und ließen ihn dann einsam am Meer zurück.

alsbald: immediately / hieß: commanded / Meeresgrund: bottom of the sea / immer aufs neue hinabgestürzt: thrown back again and again / bedauerten: pitied / einsam: alone (isolated)

 

Er stand am Ufer und überlegte, was er wohl tun sollte, da sah er auf einmal drei Fische daherschwimmen, und es waren keine andern als jene, welchen er das Leben gerettet hatte. Der mittelste hielt eine Muschel im Munde, die er an den Strand zu den Füßen des Jünglings hinlegte, und als dieser sie aufhob und öffnete, so lag der Goldring darin. Voll Freude brachte er ihn dem Könige und erwartete, daß er ihm den verheißenen Lohn gewähren würde. Die stolze Königstochter aber, als sie vernahm, daß er ihr nicht ebenbürtig war, verschmähte ihn und verlangte, er sollte zuvor eine zweite Aufgabe lösen. Sie ging hinab in den Garten und streute selbst zehn Säcke voll Hirsen ins Gras. "Die muß er morgen, ehe die Sonne hervorkommt, aufgelesen haben", sprach sie, und kein Körnchen darf fehlen."

der mittleste: the one in the middle / Muschel: mussel / verheißen: promised / gewähren: grant / ebenbürtig: of equal birth / verschmähte: rejected scornfully / zuvor: before / lösen: accomplish / Hirsen: millets (very small seeds) / aufgelesen: gathered up

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Was hörte der Diener, als er weiterritt?

2. Worüber klagte der Ameisenkönig?

3. Was machte der Diener, um die Ameisenkolonie zu vermeiden?

4. Was für eine Vogelfamilie sah er im Walde?

5. Warum warfen die Rabeneltern ihre Jungen aus dem Nest?

6. Warum hatten die jungen Raben Angst?

7. Was gab der Diener den Raben zu fressen?

8. Wie setzte er seine Reise fort?

9. Welche Nachricht hörte er, als er in eine große Stadt kam?

10. Was mußte ein Freier machen, um als Gemahl der Königstochter angenommen zu werden?

11. Was war bis jetzt denen passiert, die die Aufgabe nicht glücklich ausführen konnten?

12. Wohin führte man den Jüngling, nachdem dieser sich als Freier angemeldet hatte?

13. Warum wurde ein goldener Ring ins Meer geworfen?

14. Was hätte man ihm angetan, wenn er den Ring nicht hätte heraufholen können?

15. Was sah der Jüngling, als er am Ufer stand?

16. Welche Fische waren es, die ihm den Ring brachten?

17. Was erwartete er, als er dem König den Ring übergab?

18. Warum bekam er die Hand der Königstochter noch nicht?

19. Was war die zweite Aufgabe?

 

 
ankommen (kam an, o) - arrive

aufgeben (i; a, e) - assign

e Ausrede(-n) - excuse

dankbar - grateful

erreichen - reach

r Heimweg - way home

s Knie (-) - knee

lösen - solve; loosen

möglich - possible

nachdenken (dachte nach, nachgedacht) - reflect, ponder

sich setzen - sit down

 

r Strahl (-en) - ray

traurig - sad

e Verwunderung - amaze- ment

wandern - wander, hike

zugleich - at the same time

 

Der Jüngling setzte sich in den Garten und dachte nach, wie es möglich wäre, die Aufgabe zu lösen, aber er konnte nichts ersinnen, saß da ganz traurig und erwartete, bei Anbruch des Morgens zum Tode geführt zu werden. Als aber die ersten Sonnenstrahlen in den Garten fielen, so sah er die zehn Säcke alle wohl gefüllt nebeneinander stehen, und kein Körnchen fehlte darin. Der Ameisenkönig war mit seinen tausend und tausend Ameisen in der Nacht angekommen, und die dankbaren Tiere hatten den Hirsen mit großer Emsigkeit gelesen und in die Säcke gesammelt. Die Königstochter kam selbst in den Garten herab und sah mit Verwunderung, daß der Jüngling vollbracht hatte, was ihm aufgegeben war. Aber sie konnte ihr stolzes Herz noch nicht bezwingen und sprach: "Hat er auch die beiden Aufgaben gelöst, so soll er doch nicht eher mein Gemahl werden, bis er mir einen Apfel vom Baume des Lebens gebracht hat."

ersinnen: think up / bei Anbruch: at the break / Emsigkeit: industriousness / gelesen: gathered / bezwingen: control / Hat er auch: Even if he / so soll..., bis: he will not become my husband until

Der Jüngling wußte nicht, wo der Baum des Lebens stand. Er machte sich auf und wollte immer zugehen, solange ihn seine Beine trügen, aber er hatte keine Hoffnung, ihn zu finden. Als er schon durch drei Königreiche gewandert war und abends in einen Wald kam, setzte er sich unter einen Baum und wollte schlafen. Da hörte er in den Ästen ein Geräusch, und ein goldener Apfel fiel in seine Hand. Zugleich flogen drei Raben zu ihm herab, setzten sich auf seine Knie und sagten: "Wir sind die drei jungen Raben, die du vom Hungertod errettet hast; als wir groß geworden waren und hörten, daß du den goldenen Apfel suchtest, so sind wir über das Meer geflogen bis ans Ende der Welt, wo der Baum des Lebens steht, und haben dir den Apfel geholt."

Voll Freude machte sich der Jüngling auf den Heimweg und brachte der schönen Königstochter den goldenen Apfel, der nun keine Ausrede mehr übrig blieb. Sie teilten den Apfel des Lebens und aßen ihn zusammen; da wurde ihr Herz mit Liebe erfüllt, und sie erreichten in ungestörtem Glück ein hohes Alter.

immer zugehen: walk faster and faster / Geräusch: noise / ungestört: undisturbed / ein hohes Alter: an old age

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Woran dachte der Jüngling, während er im Garten saß?

2. Was hatten die Ameisen in der Nacht getan?

3. Was sagte die Königstochter, als sie gesehen hatte, daß alle zwölf Säcke wieder voll waren?

4. Was unternahm der Jüngling, um den Baum des Lebens zu finden?

5. Was geschah eines Abends im Wald, als er unter einem Baum saß?

6. Wer hatte den Apfel vom Baum des Lebens hergebracht?

7. Wohin ging der Jüngling mit dem Apfel vom Baum des Lebens?

8. Mit wem teilte die Königstochter den Apfel?

9. Wie wurde das Herz des Königstochter verwandelt?

* * * * *

In diesem Märchen wie auch in "Rapunzel" bekommt ein Mann erst nach einem schweren Weg eine äußerst schöne Frau. Vergleichen Sie diese beiden Märchen!

* * * * *

Was halten Sie von einem Menschen, der sein Pferd tötet, um junge Raben zu füttern?

 

Getting with Grammar

Every German verb is regular in the future tense, which consists of present-tense forms of werden plus the present infinitive. The infinitive is placed at the end of the clause.

ich werde essen

du wirst essen

er, sie, es wird essen

wir werden essen

ihr werdet essen

sie, Sie werden essen

The verb wollen, which can mean "intend to" and, in this sense, carries the connotation of futurity, is sometimes translated by the English verb "will." Example: Ich will schon helfen, which means "I intend to help," can also be translated by "I will help."

An unreal conditional sentence in the past like Wenn ich Zeit gehabt hätte, hätte ich dir geholfen requires the past subjunctive II in both clauses. Here is an example of the past subjunctive II of a haben-verb:

ich hätte geholfen

du hättest geholfen

er, eie, es hätte geholfen

wir hätten geholfen

ihr hättet geholfen

sie, Sie hätten geholfen

One distinguishes three groups of adjective endings in German, according to whether the adjective 1) comes after a der-word (der-words include dieser and jeder among others); 2) comes after an ein-word (ein, kein, and the possessive adjectives); 3) is preceded by neither a der-word or and ein-word. Note the masculine singular endings on the following adjectives:

Nom. der gute Kaffee

ein guter Kaffee

guter Kaffee

Acc. den guten Kaffee

einen guten Kaffee

guten Kaffee

Dat. dem guten Kaffee

einem guten Kaffee

gutem Kaffee

Gen. des guten Kaffees

eines guten Kaffees

guten Kaffees

* * * * *

When not followed by another preposition, bis takes an accusative object. If another preposition follows it, that preposition determines the case of the object. Bis must be used with another preposition whenever the object is preceded by an article.

* * * * *

In German, reflexive verbs are often used as passive-voice substitutes. Example: Das lernt sich leicht. (That can be learned easily.)

 

Das tapfere Schneiderlein

 
"Als er abzog und zählte, so lagen nicht weniger als sieben vor ihm tot und streckten die Beine."
ärgerlich - angry, annoyed; annoying

auspacken - unpack

bewundern - admire; marvel at

r Buchstabe (-ns, -n) - letter (of the alphabet)

einladen (lädt ein; u, a) - invite

erfahren (ä; u, a) - experience; learn

e Fliege (-n) - fly

fortjagen - chase away

r Gast (¨-e) - guest

r Geruch (¨-e) - smell, odor

r Gürtel (-) - belt

e Hölle (-n) - hell

r Kerl (-e) - fellow

klingen (a, u) - sound

r Korb (¨-e) - basket

los sein (w/ acc.) - be rid of

e Menge (-n) - crowd; quantity

e Nase (-n) - nose

s Ohr (-en) - ear

e Stärke (-n) - strength

r Stich (-e) - stitch

sticken - embroider

r Streich (-e) - blow; prank

e Tapferkeit - bravery

s Tuch (¨-er) - cloth

unbarmherzig - merci- less(ly)

s Viertelpfund (-e) - quarter pound

wackeln - wobble

zählen - count

 

An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften. Da kam eine Bauersfrau die Straße herab und rief: "Gut Mus feil! Gut Mus feil!" Das klang dem Schneiderlein lieblich in die Ohren, er steckte sein zartes Haupt zum Fenster hinaus und rief: "Hier herauf, liebe Frau, hier wird sie ihre Ware los."

Die Frau stieg die drei Treppen mit ihrem schweren Korbe zu dem Schneider herauf und mußte die Töpfe sämtlich vor ihm auspacken. Er besah sie alle, hob sie in die Höhe, hielt die Nase dran und sagte endlich: "Das Mus scheint mir gut. Wieg sie mir doch vier Lot ab, liebe Frau, wenn's auch ein Viertelpfund ist, kommt es mir nicht darauf an."

war guter Dinge: was in good spirits aus Leibeskräften: for all he was worth / Bauersfrau: farmer's wife  die Straße herab: down the street  Gut mus feil: good preserves cheap  zart: tender 
zum Fenster hinaus: out of the window 
Ware: goods 
wird sie = werden Sie
sämtlich: all of them 
besah: looked at
Wieg sie = Wiegen Sie  
Lot: half an ounce  
kommt es...darauf an: it doesn't matter to me

Die Frau, welche gehofft hatte, einen guten Absatz zu finden, gab ihm, was er verlangte, ging aber ganz ärgerlich und brummig fort. "Nun, das Mus soll mir Gott gesegnen", rief das Schneiderlein, "und soll mir Kraft und Stärke geben", holte das Brot aus dem Schrank, schnitt sich ein Stück über den ganzen Laib und strich das Mus darüber. "Das wird nicht bitter schmecken", sprach er, "aber erst will ich den Wams fertig machen, eh ich anbeiße."

Er legte das Brot neben sich, nähte weiter und machte vor Freude immer größere Stiche. Indes stieg der Geruch von dem süßen Mus hinauf an die Wand, wo die Fliegen in großer Menge saßen, so daß sie herangelockt wurden und sich scharenweise darauf niederließen. "Ei, wer hat euch eingeladen?" sprach das Schneiderlein und jagte die ungebetenen Gäste fort.

Absatz: sale
brummig: grumbling  
gesegnen = segnen
Wams: jacket 
anbeiße: take a bite
indes: meanwhile
herangelockt: lured 
scharenweise: in swarms 
sich niederließen: landed

Die Fliegen aber, die kein Deutsch verstanden, ließen sich nicht abweisen, sondern kamen in immer größerer Gesellschaft wieder. Da lief dem Schneiderlein endlich, wie man sagt, die Laus über die Leber, er langte aus seiner Hölle nach einem Tuchlappen, und "Wart, ich will es euch geben!" schlug er unbarmherzig drauf. Als er abzog und zählte, so lagen nicht weniger als sieben vor ihm tot und streckten die Beine.

"Bist du so ein Kerl?" sprach er und mußte selbst seine Tapferkeit bewundern. "Das soll die ganze Stadt erfahren." Und in der Hast schnitt sich das Schneiderlein einen Gürtel, nähte ihn und stickte mit großen Buchstaben darauf "Siebene auf einen Streich!"

"Ei was Stadt!" sprach er weiter, " die ganze Welt soll's erfahren!" Und sein Herz wackelte ihm vor Freude wie ein Lämmerschwänzchen.

ließen sich nicht abweisen: refused to be deterred 
Gesellschaft: fellowship  
da lief...über die Leber: the tailot flew into a passion (lit.: a louse ran across the tailor's liver) 
langte nach: reached for Tuchlappen: rag
abzog: drew back
in der Hast: quickly
Ei was: oh nonsense
ihm: (not translated here)  
vor: with 
Lämmerschwänzchen: lamb's little tail

 

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Wo saß das Schneiderlein an einem Sommermorgen und was machte er?

2. Wer kam die Straße herab?

3. Was rief das Schneiderlein der Frau zu?

4. Wie weit oben wohnte der Schneider?

5. Wieviel Mus kaufte der Schneider?

6. Warum ärgerte sich die Frau?

7. Was wollte der Schneider machen, ehe er anbiß?

8. Welche ungebetenen Gäste kamen herangeflogen?

9. Worauf ließen sich die Fliegen nieder? ___

10. Was machte der Schneider mit einem Tuch?

11. Warum schnitt sich der Schneider einen Gürtel?

12. Wer sollte seine Tapferkeit bewundern?

 
aufknöpfen - button up

drücken - press

erschlagen (ä; u, a) - slay

fassen - grasp, take hold of

e Freiheit (-en) - freedom

gefallen (ä; gefiel, a) (w/ dat.) - be pleasing to

r Gipfel (-) - peak

r Kamerad (-en, -en) - companion

r Käse - cheese

e Last (-en) - load

r Leib (-er) - body

Lust haben - want to

mächtig - mighty, powerful

r Mensch (-en, -en) - man, human being, person

nachmachen (jdm. etw.) - imitate

pfeifen (pfiff, gepfifen) - whistle

prüfen - test

r Respekt (vor) - respect (for)

r Rock (¨-e) - skirt; jacket

r Saft (¨-e) - juice

r Stamm (¨-e) - (tree) trunk

tapfer - brave

s Tor (-e) - gate

tropfen - drip

sich umsehen (ie; a, e) - look around

verächtlich - scornful(ly)

zugehen (auf jdn.) (ging zu, zugegangen) - go up to

Der Schneider band sich den Gürtel um den Leib und wollte in die Welt hinaus, weil er meinte, die Werkstätte sei zu klein für seine Tapferkeit. Eh er abzog, suchte er im Haus herum, ob nichts da wäre, was er mitnehmen könnte. Er fand aber nichts als einen alten Käs; den steckte er ein. Vor dem Tore bemerkte er einen Vogel, der sich im Gesträuch gefangen hatte; der mußte zu dem Käse in die Tasche.

Nun nahm er den Weg tapfer zwischen die Beine, und weil er leicht und behend war, fühlte er keine Müdigkeit. Der Weg führte ihn auf einen Berg, und als er den höchsten Gipfel erreicht hatte, so saß da ein gewaltiger Riese und schaute sich ganz gemächlich um. Das Schneiderlein ging beherzt auf ihn zu, redete ihn an und sprach: "Guten Tag, Kamerad. Gelt, du sitzt da und besiehst dir die weitläufige Welt? Ich bin eben auf dem Wege dahin und will mich versuchen. Hast du Lust mitzugehen?"

Werkstätte: workshop  abzog: departed
Käs = Käse
Gesträuch: shrubs
behend: agile
gemächlich: liesurely  beherzt: bravely  
redete ihn an: addressed him Gelt? = nicht wahr?  besiehst dir: look over  weitläufig: vast  
mich versuchen: put myself to the test

 

Der Riese sah den Schneider verächtlich an und sprach: "Du Lump! Du miserabler Kerl!"

"Das wäre!" antwortete das Schneiderlein, knöpfte den Rock auf und zeigte dem Riesen den Gürtel. "Da kannst du lesen, was ich für ein Mann bin."

Der Riese las "Siebene auf einen Streich", meinte, das wären Menschen gewesen, die der Schneider erschlagen hätte, und kriegte ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn erst prüfen, nahm einen Stein in die Hand, und drückte ihn zusammen, daß das Wasser heraustropfte. "Das mach mir nach", sprach der Riese, "wenn du Stärke hast."

"Ist's weiter nichts?" sagte das Schneiderlein. "Das ist bei unsereinem Spielwerk", griff in die Tasche, holte den weichen Käs und drückte ihn, daß der Saft herauslief. "Gelt", sprach er, "das war ein wenig besser?"

Lump: bum
Das wäre: Is that so?
was ich für ein Mann bin: what kind of man I am
Ists weiter nichts? - Is that all?  
bei unsereinem: for someone like me 
Spielwerk: a game 
griff in: reached into

 

Der Riese wußte nicht, was er sagen sollte, und konnte es von dem Männlein nicht glauben. Da hob der Riese einen Stein auf und warf ihn so hoch, daß man ihn mit Augen kaum noch sehen konnte. "Nun, du Erpelmännchen, das tu mir nach."

"Gut geworfen", sagte der Schneider, "aber der Stein hat doch wieder zur Erde herabfallen müssen. Ich will dir einen werfen, der gar nicht wiederkommen soll." Er griff in die Tasche, nahm den Vogel und warf ihn in die Luft. Der Vogel, froh über seine Freiheit, stieg auf, flog fort und kam nicht wieder.

"Wie gefällt dir das Stückchen, Kamerad?" fragte der Schneider

"Werfen kannst du wohl", sagte der Riese, "aber nun wollen wir sehen, ob du imstande bist, etwas Ordentliches zu tragen." Er führte das Schneiderlein zu einem mächtigen Eichbaum, der da gefällt auf dem Boden lag, und sagte: "Wenn du stark genug bist, so hilf mir den Baum aus dem Walde heraustragen."

Erpelmännchen: drake  nachtun = nachmachen
nicht soll: won't
imstande bist: are capable
etwas Ordentliches: something heavy  
Eichbaum: oak tree 
gefällt: felled  
auf dem Boden: on the ground

 

"Gerne", antwortete der kleine Mann, "nimm du nur den Stamm auf deine Schulter, ich will die Äste mit dem Gezweig aufheben und tragen, das ist doch das schwerste."

Der Riese nahm den Stamm auf die Schulter, der Schneider aber setzte sich auf einen Ast, und der Riese, der sich nicht umsehen konnte, mußte den ganzen Baum und das Schneiderlein noch obendrein forttragen. Er war da hinten ganz lustig und guter Dinge, pfiff das Liedchen "Es ritten drei Schneider zum Tore hinaus", als wäre das Baumtragen ein Kinderspiel.

Der Riese, nachdem er ein Stück Wegs die schwere Last fortgeschleppt hatte, konnte nicht weiter und rief: "Hör, ich muß den Baum fallen lassen."

Der Schneider sprang behendiglich herab, faßte den Baum mit beiden Armen, als wenn er ihn getragen hätte, und sprach zum Riesen: "Du bist ein so großer Kerl und kannst den Baum nicht einmal tragen."

Schulter: shoulder  
Gezweig: branches
noch obendrein: in addition
zum Tore hinaus: out the gate
ehendiglich: nimbly

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Warum wollte der Schneider in die weite Welt gehen?

2. Was nahm er von Zuhause mit?

3. Warum konnte der Schneider ohne Müdigkeit gehen?

4. Wo war er, als er den Riesen erblickte?

5. Wozu lud er den Riesen ein?

6. Wie reagierte der Riese auf den Gürtel des Schneiders?

7. Was sollte ihm der Schneider nachmachen?

8. Wie konnte der Schneider mit einem Stück Käse den Riesen betrügen?

9. Was machte der Schneider, nachdem der Riese einen Stein in die Luft geworfen hatte?

10. Wie wollte der Riese prüfen, ob der Schneider etwas Schweres tragen konnte?

11. Welchen Teil des Baumes trug der Riese?

12. Wie bestand der Schneider die Prüfung?

 
abschicken - dispatch, send

anbieten (o, o) - offer

ausbrechen (i; a, o) - break out

besondere - special

betrachten - consider; examine; observe

deshalb - for that reason

e Frucht (¨-e) - fruit

e Hast - haste, hurry

herabbiegen (o, o) - bend down

e Hofleute (pl.) - courtiers

e Höhle (-n) cave

r Kirschbaum (¨-e) - cherry tree

r Kriegsheld (-en, -en) - war hero

loslassen (ä; ie, a) - let go

melden - report; inform

nützlich - useful

r Palast (¨-e) - palace

r Preis (-e) - price; prize

r Rat - advice; suggestion

r Schaden (¨) - harm; damage

s Schaf (-e) - sheep

schicken - send

r Schlaf - sleep

spitz- pointed

treffen (i; traf, o) - meet; hit

treten (tritt; a, e) - step

übernachten - stay overnight

r Versuch (-e) - attempt, try

vorbeigehen (ging vorbei, vorbeigegangen) (an w/ dat.) - go past

e Werkstatt (¨-en) - workshop

wichtig - important

Sie gingen zusammen weiter, und als sie an einem Kirschbaum vorbeigingen, faßte der Riese die Krone des Baums, wo die zeitigsten Früchte hingen, bog sie herab, gab sie dem Schneider in die Hand und hieß ihn essen. Das Schneiderlein aber war viel zu schwach, um den Baum zu halten, und als der Riese losließ, fuhr der Baum in die Höhe, und der Schneider wurde mit in die Luft geschnellt. Als er wieder ohne Schaden herabgefallen war, sprach der Riese: "Was ist das? Hast du nicht Kraft, die schwache Gerte zu halten?"

"An der Kraft fehlt es nicht", antwortete das Schneiderlein. "Meinst du, das wäre etwas für einen, der siebene mit einem Streich getroffen hat? Ich bin über den Baum gesprungen, weil die Jäger da unter in das Gebüsch schießen. Spring nach, wenn du's vermagst." Der Riese machte den Versuch, konnte aber nicht über den Baum kommen, sondern blieb in den Ästen hängen, also daß das Schneiderlein auch hier die Oberhand behielt.

zeitigsten: ripest
hieß ihn essen: told him to eat
fuhr: went
geschnellt: tossed
Gerte: twig
Gebüsch: underbrush 
spring nach: jump as I did  vermagst: are able
die Oberhand behielt: kept the upper hand

 

Der Riese sprach: "Wenn du ein so tapferer Kerl bist, so komm mit in unsere Höhle und übernachte bei uns." Das Schneiderlein war bereit und folgte ihm. Als sie in der Höhle anlangten, saßen da noch andere Riesen beim Feuer, und jeder hatte ein gebratenes Schaf in der Hand und aß davon. Das Schneiderlein sah sich um und dachte: "Es ist hier doch viel weitläufiger als in meiner Werkstatt."

Der Riese wies ihm ein Bett an und sagte, er solle sich hineinlegen und ausschlafen. Dem Schneiderlein war aber das Bett zu groß. Er legte sich nicht hinein, sondern kroch in eine Ecke. Als es Mitternacht war und der Riese meinte, das Schneiderlein läge in tiefem Schlaf, so stand er auf, nahm eine große Eisenstange und schlug das Bett mit einem Schlag durch, und meinte, er hätte dem Grashüpfer den Garaus gemacht.

anlangten: arrived
weitläufiger: more spacious
wies ihm ein Bett an: directed him to a bed
ausschlafen: sleep his fill
Eisenstange: iron bar
Grashüpfer: grasshopper
den Garaus gemacht: put an end to

Mit dem frühesten Morgen gingen die Riesen in den Wald und hatten das Schneiderlein ganz vergessen, da kam er auf einmal ganz lustig und verwegen dahergeschritten. Die Riesen erschraken, fürchteten, er schlüge sie alle tot, und liefen in einer Hast fort.

Das Schneiderlein zog weiter, immer seiner spitzen Nase nach. Nachdem er lange gewandert war, kam er in den Hof eines königlichen Palastes, und da er Müdigkeit empfand, so legte er sich ins Gras und schlief ein. Während er da lag, kamen die Leute, betrachteten ihn von allen Seiten und lasen auf dem Gürtel "Siebene auf einen Streich."

"Ach", sprachen sie, "was will der große Kriegsheld hier mitten im Frieden? Das muß ein mächtiger Herr sein." Sie gingen und meldeten es dem König, und meinten, wenn Krieg ausbrechen sollte, wäre das ein wichtiger und nützlicher Mann, den man um keinen Preis fortlassen dürfte.

kam dahergeschritten: came striding up 
verwegen: boldly
fortlassen: allow to leave

 

Dem König gefiel der Rat, und er schickte einen von seinen Hofleuten an das Schneiderlein ab, der ihm, wenn er aufgewacht wäre, Kriegsdienste anbieten sollte. Der Abgesandte blieb bei dem Schläfer stehen, wartete, bis er seine Glieder streckte und die Augen aufschlug, und brachte dann seinen Antrag vor. "Eben deshalb bin ich hierher gekommen", antwortete er. "Ich bin bereit, in des Königs Dienste zu treten." Also wurde er ehrenvoll empfangen, und es wurde ihm eine besondere Wohnung angewiesen.

Kriegsdienste: military duties
Abgesandte: messenger
Glieder: arms and legs
aufschlug: opened
brachte seinen Auftrag vor: stated his proposition
ehrenvoll: honorably
es wurde ihm...angewiesen: he was directed to a special residence
Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Was geschah, als der Schneider versuchte, den herabgebogenen Kirschbaum zu halten?

2. Wie erklärte er dem Riesen seinen "Sprung"?

3. Warum konnte der Riese nicht so hoch springen wie der Schneider?

4. Was für eine Einladung bekam der Schneider von dem Riesen?

5. Was aßen die Riesen?

6. Was machte der Riese, als er mitten in der Nacht aufgestanden war?

7. Warum gelang es ihm nicht, den Schneider zu erschlagen?

8. Was machten die Riesen, als sie am anderen Morgen den lebendigen Schneider sahen?

9. Wohin ging der Schneider dann?

10. Wo schlief er ein?

11. Was dachten die Leute, die den Gürtel des Schneiders sahen?

12. Was meldeten sie dem König?

13. Wie wäre ein solcher Mann dem König nützlich?

14. Was für einen Antrag schickte der König durch einen Abgesandten?

15. Wie antwortete der Schneider auf das Angebot des Königs?

 
anstoßen (ö; ie, o) - push, strike, bump

arg - bad; evil

ausreißen (i, -issen) - tear out, rip out

ausziehen (zog aus, ausgezogen) - set out; take off (clothes)

r Begleiter (-) - companion, attendant

brummen - growl, grumble; buzz

e Brust (Brüste) - breast; chest

r Entschluß (-schlüsse) - decision

faul - lazy; rotten

e Gemahlin (-nen) - wife, spouse (f.)

r Geselle (-n, -n) - companion

hin und her - back and forth

e Lebensgefahr - danger of death, mortal danger

e Meile (-n) - mile

e Mitte (-n) - middle

r Mord (-e) - murder

sich nahen - approach, draw near

r Rand (Ränder) - edge

rauben - rob

r Reiter (-) - rider (horseback)

 

rutschen - slide

samt (w/ dat.) - together with

totschlagen (ä; u, a) - kill, slay

träumen - dream

überwinden (a, u) - conquer, overcome

um...willen (w/ gen.) - for the sake of; on behalf of

r Unsinnige (-n, -n) - insane person

s Volk (Völker) - people; nation

e Wut - rage

Die Kriegsleute aber waren dem Schneiderlein aufgesessen und wünschten, er wäre tausend Meilen weit weg. "Was soll das werden?" sprachen sie untereinander. "Wenn wir Zank mit ihm kriegen und er haut zu, so fallen auf jeden Streich siebene. Da kann unsereiner nicht bestehen." Also faßten sie einen Entschluß, begaben sich allesamt zum König und baten um ihren Abschied. "Wir sind nicht ge-

macht", sprachen sie, "neben einem Mann auszuhalten, der siebene auf einen Streich schlägt."

Der König war traurig, daß er um des einen willen alle seine treuen Diener verlieren sollte, wünschte, daß seine Augen ihn nie gesehen hätten, und wäre ihn gerne wieder los gewesen. Aber er getraute sich nicht, ihm den Abschied zu geben, weil er fürchtete, er möchte ihn samt seinem Volke tot-

schlagen und sich auf den königlichen Thron setzen.

Er sann lange hin und her, endlich fand er einen Rat. Er schickte zu dem Schneiderlein und ließ ihm sagen, weil er ein so großer Kriegsheld wäre, so wollte er ihm einen Anerbieten machen. In einem Walde seines Landes hausten zwei Riesen, die mit Rauben, Morden, Sengen und Brennen großen Schaden stifteten. Niemand dürfte sich ihnen nahen, ohne sich in Lebensgefahr zu setzen. Wenn er diese beiden Riesen überwände und tötete, so wollte er ihm seine einzige Tochter zur Gamahlin geben und das halbe Königreich zur Ehesteuer; auch sollten hundert Reiter mitziehen und ihm Beistand leisten.

"Das wäre so etwas für einen Mann, wie du bist", dachte das Schneiderlein. "Eine schöne Königs- tochter und ein halbes Königreich wird einem nicht alle Tage angeboten."

"O ja", gab er zur Antwort, "die Riesen will ich schon bändigen, und habe die hundert Reiter dabei nicht nötig. Wer siebene auf einen Streich trifft, braucht sich vor zweien nicht zu fürchten."

Das Schneiderlein zog aus, und die hundert Reiter folgten ihm. Als er zu dem Rand des Waldes kam, sprach er zu seinen Begleitern: "Bleibt hier nur halten. Ich will schon allein mit den Riesen fertig werden." Dann sprang er in den Wald hinein und schaute sich rechts und links um. Über ein Weilchen erblickte er beide Riesen; sie lagen unter einem Baum und schliefen und schnarchten dabei, daß sich die Äste auf- und niederbogen. Das Schneiderlein, nicht faul, las beide Taschen voll Steine und stieg damit auf den Baum. Als er in der Mitte war, rutschte er auf einen Ast, bis er gerade über die Schläfer zu sitzen kam, und ließ dem einen Riesen einen Stein nach dem andern auf die Brust fallen. Der Riese spürte lange nichts, doch endlich wachte er auf, stieß seinen Gesellen an und sprach: "Was schlägst du mich?"

"Du träumst", sagte der andere, "ich schlage dich nicht." Sie legten sich wieder zum Schlaf, da warf der Schneider auf den zweiten einen Stein herab. "Was soll das?" rief der andere. "Warum wirfst du mich?"

"Ich werfe dich nicht", antwortete der erste und brummte. Sie zankten sich eine Weile herum, doch weil sie müde waren, ließen sie's gut sein, und die Augen fielen ihnen wieder zu. Das Schneiderlein fing sein Spiel von neuem an, suchte den dicksten Stein aus und warf ihn dem ersten Riesen mit einer Gewalt auf die Brust.

"Das ist zu arg!" schrie er, sprang wie ein Unsinniger auf und stieß seinen Gesellen wider den Baum, daß dieser zitterte. Der andere zahlte mit gleicher Münze, und sie gerieten in solche Wut, daß sie Bäume ausrissen, aufeinander losschlugen, so lange, bis sie endlich beide zugleich tot auf die Erde fielen.

waren dem Schneiderlein aufgesessen: bore ill will toward the tailor
Zank kriegen: quarrel
haut zu: strikes
unsereiner: people like us
bestehen: survive
faßten sie einen Entschluß: they decided
begaben sich allesamt: went all together
Abschied: dismissal
Thron: throne
sann: pondered
Anerbieten: proposal
hausten: lived
Sengen und Brennen: burning and ravaging
stifteten: caused
Ehesteuer: dowry
mitziehen: go along
Beistand leisten: lend support
bändigen: subdue
habe nicht nötig: don't need
zweien = zwei
mit...fertig werden: finish off the giants
auf- und niederbogen: bent up and down
las: gathered
was: why
Warum wirfst du mich? - Why are you throwing at me?
zankten sich: quarreled
fielen zu: closed
wider: (prep. w/ acc.) against
zahlte mit gleicher Münze: paid him back in his own coin
gerieten: got
aufeinander losschlugen: started hitting each other

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Warum wünschten die Kriegsleute, der Schneider wäre tausend Meilen weg?

2. Warum begaben sie sich zum König?

3. Warum machte die Bitte der Kriegsleute den König traurig?

4. Was wünschte der König?

5. Warum gab er dem Schneider den Abschied nicht?

6. Was für einen Anerbieten machte der König dem Schneider?

7. Was dachte der Schneider dabei?

8. Warum hatte der Schneider die hundert Reiter nicht nötig?

9. Wo waren die beiden Riesen, als der Schneider sie fand?

10. Was machte der Schneider, nachdem er seine Taschen mit Steinen gefüllt hatte?

11. Was sagte der eine Riese, als er endlich etwas spürte?

12. Was machte der Schneider dann?

13. Wie reagierten die Riesen diesmal darauf?

14. Auf welchen Riesen ließ der Schneider gleich darauf Steine fallen?

15. Was machten die Riesen dann?

 
abermals - again

außen - (adv.) outside

sich begeben (i; a, e) - betake oneself, go

e Belohnung (-en) - reward

s Eichhörnchen (-) - squirrel

s Einhorn (-hörner) - unicorn

flicken - patch

e Forderung (-en) - demand

e Furcht - fear

r Glaube (-ns, n) - faith

s Heer (-e) - army

e Heldentat (-en) - act of heroism

hinter jdm. herlaufen (äu; ie, a) - run after someone

e Hose (-n) - pants

e Kapelle (-n) - chapel

s leid (-en) - injury, harm

mehrmals - several times

e Sache (-n) - thing, matter

s Schiff (-e) - ship

s Schwert (-er) - sword

spießen - spear

r Strick (-e) - cord, line; rope

r Traum (Träume) - dream

übergeben (übergibt; übergab, übergeben) - hand over

überkommen (überkam, überkommen) - overcome

s Versprechen (-) - promise

r Waffenträger (-) - armorbearer

sich wehren - defend oneself

s Wildschwein (-e) - wild boar

wütend - furious

r Zahn (Zähne) - tooth

Nun sprang das Schneiderlein herab. "Ein Glück nur", sprach er, "daß sie den Baum, auf dem ich saß, nicht ausgerissen haben, sonst hätte ich wie ein Eichhörnchen auf einen andern springen müssen. Doch unsereiner ist flüchtig!" Er zog sein Schwert und versetzte jedem ein paar tüchtige Hiebe in die Brust, dann ging er hinaus zu den Reitern und sprach: "Die Arbeit ist getan. Ich habe beiden den Garaus gemacht. Aber hart ist es hergegangen, sie haben in der Not Bäume ausgerissen und sich gewehrt, doch hilft alles nichts, wenn einer kommt wie ich, der siebene auf einen Streich schlägt."

"Seid Ihr denn nicht verwundet?" fragten die Reiter.

"Das hat gute Wege", antwortete der Schneider. "Kein Haar haben sie mir gekrümmt. Die Reiter wollten ihm keinen Glauben beimessen und ritten in den Wald hinein. Da fanden sie die Riesen in ihrem Blute schwimmend, und ringsherum lagen die ausge-

rissenen Bäume. Das Schneiderlein verlangte von dem König die versprochene Belohnung. Den König aber reute sein Versprechen und er sann aufs neue, wie er sich den Helden vom Halse schaffen könnte. "Ehe du meine Tochter und das halbe Reich erhältst", sprach er zu ihm, "mußt du noch eine Heldentat vollbringen. In dem Walde läuft ein Einhorn, das großen Schaden anrichtet; das mußt du erst einfangen."

"Vor einem Einhorne fürchte ich mich noch weniger als vor zwei Riesen. Siebene auf einen Streich, das ist meine Sache." Er nahm sich einen Strick und eine Axt mit, ging hinaus in den Wald, und hieß abermals die, welche ihm zugeordnet waren, außen warten. Er brauchte nicht lange zu suchen; das Einhorn kam bald daher und sprang geradezu auf den Schneider los, als wollte es ihn ohne Umstände aufspießen.

"Sachte, sachte", sprach er, "so geschwind geht das nicht," blieb stehen und wartete, bis das Tier ganz nahe war, dann sprang er behendiglich hinter den Baum. Das Einhorn rannte mit aller Kraft gegen den Baum und spießte sein Horn so fest in den Stamm, daß es nicht Kraft genug hatte, es wieder herauszu-

ziehen, und so war es gefangen. "Jetzt hab ich das Vöglein", sagte der Schneider, kam hinter dem Baum hervor, und legte dem Einhorn den Strick um den Hals. Dann hieb er mit der Axt das Horn aus dem Baum, und als alles in Ordnung war, führte er das Tier ab und brachte es dem König.

Der König wollte ihm den verheißenen Lohn noch nicht gewähren, und machte eine dritte Forderung. Der Schneider sollte ihm vor der Hochzeit erst ein Wildschwein fangen, das in dem Wald großen Schaden tat; die Jäger sollten ihm Beistand leisten. "Gerne", sprach der Schneider, "das ist ein Kinderspiel."

Die Jäger nahm er nicht mit in den Wald, und sie waren's wohl zufrieden, denn das Wildschwein hatte sie schon mehrmals so empfangen, daß sie keine Lust hatten, ihm nachzustellen. Als das Schwein den Schneider erblickte, lief es mit schäumendem Munde und wetzenden Zähnen auf ihn zu und wollte ihn zur Erde werfen. Der flüchtige Held aber sprang in eine Kapelle, die in der Nähe war, und gleich oben zum Fenster in einem Satze wieder hinaus. Das Schwein war hinter ihm hergelaufen; er aber hüpfte außen herum und schlug die Tür hinter ihm zu. Da war das wütende Tier gefangen, das viel zu schwer und unbehilflich war, um zu dem Fenster hinauszuspringen.

Das Schneiderlein rief die Jäger herbei; die mußten den Gefangenen mit eigenen Augen sehen. Der Held aber begab sich zum König, der nun, er mochte wollen oder nicht, sein Versprechen halten mußte und ihm seine Tochter und das halbe König- reich übergab. Hätte er gewußt, daß kein Kriegsheld, sondern ein Schneiderlein vor ihm stand, es wäre ihm noch mehr zu Herzen gegangen. Die Hochzeit wurde also mit großer Pracht und kleiner Freude gehalten, und aus einem Schneider wurde ein König gemacht.

Nach einiger Zeit hörte die junge Königin in der Nacht, wie ihr Gemahl im Traume sprach: "Junge, mach mir den Wams und flick mir die Hosen, oder ich will dir die Elle über die Ohren schlagen." Da merkte sie, in welcher Gasse der junge Herr geboren war, klagte am andern Morgen ihrem Vater ihr Leid und bat, er möchte ihr von dem Manne helfen, der nichts anders als ein Schneider wäre.

Der König sprach ihr Trost zu und sagte: "Laß in der nächsten Nacht deine Schlafkammer offen, meine Diener sollen außen stehen und, wenn er einge- schlafen ist, hineingehen, ihn binden und auf ein Schiff tragen, das ihn in die weite Welt führt."

Die Frau war damit zufrieden, des Königs Waffenträger aber, der alles mit angehört hatte, war dem jungen Herrn gewogen und hinterbrachte ihm den ganzen Anschlag. "Dem Ding will ich einen Riegel vorschieben", sagte das Schneiderlein.

Abends legte er sich zu gewöhnlicher Zeit mit seiner Frau zu Bett. Als sie glaubte, er sei eingeschlafen, stand sie auf, öffnete die Tür und legte sich wieder. Das Schneiderlein, das sich nur stellte, als wenn er schliefe, fing an mit heller Stimme zu rufen: "Junge, mach den Wams und flick mir die Hosen, oder ich will dir die Elle über die Ohren schlagen! Ich habe siebene mit einem Streiche getroffen, zwei Riesen getötet, ein Einhorn fortgeführt und ein Wildschwein gefangen, und sollte mich vor denen fürchten, die draußen vor der Kammer stehen!" Als diese den Schneider so sprechen hörten, überkam sie eine große Furcht. Sie liefen, als wenn das wilde Heer hinter ihnen wäre, und keiner wollte sich mehr an ihn wagen. Also war und blieb das Schneiderlein sein Lebtag König.

unsereiner: people like us
flüchtig: quick
versetzte jedem ein paar tüchtige Hiebe: gave each a few good strokes
ich habe...gemacht: I put an end to both of them
Aber hart is es hergegangen: But it was hard work
Das hat gute Wege: far from it
gekrümmt: bent
keinen Glauben beimessen: give no credence
ringsumher: round about
den König reute: the king regretted
sann aufs neue: pondered again
vom Halse schaffen: get rid of
anrichtet: is doing
einfangen: capture
hieß: told
zugeordnet: assigned to
sprang geradezu...los: rushed right at the tailor
ohne Umstände: unceremoniously
aufspießen: gore
sachte: easy does it
kam hinter dem Baum hervor: came out from behind the tree
verheißen: promissed
gewähren: grant
nachzustellen: to pursue
schäumend: foaming
wetzend: grinding
flüchtig: swift
in einem Satze: in one bound
schlug zu: slammed
unbehilflich: awkward
rief herbei: summoned
er mochten wollen oder nicht: whether he wanted to or not
Pracht: splendor
Wams: jacket
Elle: yardstick
Gasse: (narrow) street
sprach ihr Trost zu: comforted her
Schlafkammer: bedroom
mit angehört hatte: had also heard
gewogen: well disposed toward
hinterbrachte: secretly informed
Anschlag: scheme
einen Riegel vorschieben: put a stop to
sich stellte, als wenn: pretended that
keiner wollte...wagen: from now on no one wanted to risk attacking him
sein Lebtag: for as long as he lived
 
 

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Was hätte der Schneider machen müssen, wenn die Riesen den Baum, auf dem er saß, ausgerissen hätten?

2. Warum gab der Schneider jedem Riesen ein paar Hiebe mit seinem Schwert?

3. Was sagte der König, als der Schneider seine Belohnung verlangte?

4. Wie gelang es dem Schneider, das Einhorn zu überwinden?

5. Was war die dritte Forderung des Königs?

6. Warum freuten sich die Reiter, daß sie dem Wildschwein nicht nachstellen mußten?

7. Wie fing der Schneider das Wildschwein?

8. Warum wurde die Hochzeit "mit kleiner Freude" gehalten?

9. Warum wollte die junge Königin den Schneider ermorden lassen?

10. Was machte der Schneider, um sich zu retten?

* * * * *

Vergleichen Sie die Forderungen an den Schneider in diesem Märchen mit den Forderungen an den Jüngling in der "weißen Schlange"!

* * * * *

Ist das Schneiderlein ein gutes Vorbild für Kinder? Würden Sie Ihren Kindern dieses Märchen vorlesen?

 

Getting with Grammar

In German, the dative case is used for indirect objects. An indirect object is a noun or pronoun that represents someone (or something) to whom something is given, said, or shown; thus, the indirect object can be identified by asking "to whom?" or "for whom?" after verbs of giving, saying, or showing. The following sentences contain indirect objects (underlined along with their modifiers):

Ich sagte es der Lehrerin. (I told the teacher.)

Die Mutter erzählte ihren Kindern eine spannende Geschichte. (The mother told her children an exciting story.)

Er zeigte uns, was er wollte. (He showed us what he wanted.)

Note that an indirect object is not preceded by a preposition; thus, the following sentence has no indirect object, although it does state to whom something is said: Sie sagte zu ihm: "Das indirekte Objekt ist doch schwer."

The endings on adjectives following der-words are called weak, the endings on adjectives following ein-words are called mixed, and the endings on unpreceded attributive adjectives are called strong. Here are the feminine singular endings:
Nominative die kalte Milch eine kalte Milch kalte Milch
Accusative die kalte Milch eine kalte Milch kalte Milch
Dative der kalten Milch einer kalten Milch kalter Milch
Genitive der kalten Milch einer kalten Milch kalter Milch

Der goldene Vogel

"Der König versammelte seinen Rat, und jedermann erklärte, eine Feder wie diese sei mehr wert als das gesammte Königreich."
armselig - poor, wretched

einkehren - put up, stop (at an inn)

ergehen (erging, ergangen) - fare; es erging ihm gut (schlecht) - things went well (poorly) with him

erleuchten - illuminate

e Feder (-n) - feather

fortsetzen - continue

r Fuchs (¨-e) - fox

gegenüberstehen (a, a) (sep., w/ dat.) - stand opposite

jedermann - everyone

r Jüngling (-e) - young man

e Klugheit - cleverness, intelligence

kostbar - expensive

r Mondschein - moonlight

r Narr (-en, -en) - fool

sich niederlassen (ä; ie, a) - settle; alight; sit down

r Pfeil (-e) - arrow

rauschen - rush; rustle

e Reihe (-n) - row; series

ich bin an der Reihe - it's my turn

r Schwanz (¨-e) - tail

e Strecke (-n) - stretch; distance

sich verlassen auf (ä; ie, a) (w/ acc.) - rely on

vernünftig - reasonable

versammeln - assemble

wert sein (w/ acc.) - be worth

s Wirtshaus (¨-er) - inn

zielen auf (w/ acc.) - aim at

zutrauen (jdm. etw.) - believe (a person) capable of (a thing)

Es war vor Zeiten ein König, der einen schönen Lustgarten hinter seinem Schloß hatte; darin stand ein Baum, der goldene Äpfel trug. Als die Äpfel reiften, wurden sie gezählt, aber gleich den nächsten Morgen fehlte einer. Das wurde dem König gemeldet, und er befahl, daß alle Nächte unter dem Baume Wache sollte gehalten werden.

Der König hatte drei Söhne; den ältesten schickte er bei einbrechender Nacht in den Garten. Wie es aber Mitternacht war, konnte er sich des Schlafes nicht wehren, und am nächsten Morgen fehlte wieder ein Apfel. In der folgenden Nacht mußte der zweite Sohn wachen, aber dem erging es nicht besser: als es zwölf Uhr geschlagen hatte, schlief er ein, und morgens fehlte ein Apfel.

vor Zeiten: in former times

Lustgarten: pleasure garden

reiften: ripened

bei einbrechender Nacht: at dusk

sich des Schlafes wehren: keep from falling asleep

Jetzt kam die Reihe zu wachen an den dritten Sohn. Er war auch bereit, aber der König traute ihm nicht viel zu und meinte, er würde noch weniger ausrichten als seine Brüder; endlich aber gestattete er es doch. Der Jüngling legte sich also unter den Baum, wachte und ließ den Schlaf nicht Herr werden.

Als es zwölf schlug, so rauschte etwas durch die Luft, und er sah im Mondschein einen Vogel daherfliegen, dessen Gefieder ganz von Gold glänzte. Der Vogel ließ sich auf dem Baume nieder und hatte eben einen Apfel abgepickt, als der Jüngling einen Pfeil nach ihm abschoß. Der Vogel entflog, aber der Pfeil hatte sein Gefieder getroffen, und eine seiner goldenen Federn fiel herab. Der Jüngling hob sie auf, brachte sie am andern Morgen dem König und erzählte ihm, was er in der Nacht gesehen hatte.

kam die Reihe an den dritten Sohn: it was the third son's turn

ausrichten: accomplish

gestattete: permitted

Herr: master

daher (prefix): along

Gefieder: plumage

abgepickt: picked

abschoß: let fly

entflog: flew away

 

Der König versammelte seinen Rat, und jedermann erklärte, eine Feder wie diese sei mehr wert als das gesammte Königreich. "Ist die Feder so kostbar", erklärte der König, "so hilft mir auch die eine nichts, sondern ich will und muß den ganzen Vogel haben."

Der älteste Sohn machte sich auf den Weg, verließ sich auf seine Klugheit und meinte den goldenen Vogel schon zu finden. Wie er eine Strecke gegangen war, sah er an dem Rande eines Waldes einen Fuchs sitzen, legte seine Flinte an und zielte auf ihn. Der Fuchs rief: "Schieß mich nicht, ich will dir dafür einen guten Rat geben. Du bist auf dem Weg nach dem goldenen Vogel, und wirst heut abend in ein Dorf kommen, wo zwei Wirtshäuser einander gegenüberstehen. Eins ist hell erleuchtet, und es geht darin lustig her; da kehr aber nicht ein, sondern geh ins andere, wenn es dich auch schlecht ansieht."

Rat: council

gesammte: entire

meinte...schon zu finden: thought that he would finden ...

legte seine Flinte an: leveled his rifle

es geht darin lustig her: there are merry goings-on there

 

 

"Wie kann mir wohl so ein albernes Tier einen vernünftigen Rat erteilen!" dachte der Königssohn und drückte los, aber es fehlte den Fuchs, der den Schwanz streckte und schnell in den Wald lief. Darauf setzte er seinen Weg fort und kam abends in das Dorf, wo die beiden Wirtshäuser standen; in dem einen wurde gesungen und gesprungen, das andere hatte ein armseliges betrübtes Ansehen. "Ich wäre wohl ein Narr", dachte er, "wenn ich in das lumpige Wirtshaus ginge und das schöne liegen ließe." Also ging er in das lustige ein, lebte da in Saus und Braus, und vergaß den Vogel, seinen Vater und alle guten Lehren. albern: silly

erteilen: give

drückte los: pulled the trigger

fehlte: missed (only in this sense can fehlen be used transitively)

betrübt: sad

lumpig: shabby

liegen ließe: passed up

lebte in Saus und Braus: reveled and rioted

Lehren: precepts

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Was stand in dem Lustgarten hinter dem Schloß des Königs? 

2. Wodurch wußte man, daß ein Apfel fehlte? 

3. Wen schickte der König zuerst in den Garten? 

4. Warum hatte dieser keinen Erfolg? 

5. Warum erfuhr der zweite Sohn auch nichts? 

6. Warum wollte der König den dritten Sohn anfangs nicht in den Garten schicken?

7. Was sah der dritte Sohn um zwölf Uhr?

8. Wie bekam der dritte Sohn eine goldene Feder? 

9. Wie wertvoll war diese Feder? 

10. Was wollte der König noch haben? 

11. Warum machte sich der älteste Sohn auf den Weg? 

12. Was sah er am Rande des Waldes sitzen? 

13. Was sagte der Fuchs, als der Bruder die Flinte anlegte? 

14. Welchen Rat gab der Fuchs dem Königssohn?

15. Was hielt der Königssohn von dem Rat des Fuchses? 

16. Warum lief der Fuchs weg? 

17. Wohin kam abends der Königssohn? 

18. Welches Wirtshaus wählte er?

 
achten - respect; abide by; achten auf (w /acc.) - pay attendion to

anlangen - arrive

ausstrecken - stretch out

e Bedingung (-en) - condition

bekennen (bekannte, bekannt) - confess; admit

erschallen - sound, resound

s Gefängnis (-se) - prison, jail

gerade(s)wegs - directly, straight

gering - little; modest; inferior

hineinstürzen - rush in, burst in

hölzern - wooden

r Jubel - jubilation, rejoicing

r Käfig (-e) - cage

kaum - scarcely

sich kümmern (um) - worry (about)

lächerlich - ridiculous

mitten durch - (adv.) right through

nebenan - (adv.) close by; next door

obendrein - (adv.) over and above, besides

schlimm - bad; serious; severe

r Schrei (-e) - cry, scream

r Soldat (-en, -en) - soldier

umherliegen (a, e) - lie around

s Unglück - bad luck, misfortune

vergeblich - vain, useless; of no avail

widerstehen (widerstand, widerstanden) (w/ dat.)- resist

wiederum - again

zulassen (läßt zu; ie, a) - allow; admit

Als eine Zeit verstrichen und der älteste Sohn immer nicht nach Haus gekommen war, so machte sich der zweite auf den Weg und wollte den goldenen Vogel suchen. Wie dem ältesten begegnete ihm der Fuchs und gab ihm den guten Rat, den er nicht achtete. Er kam zu den beiden Wirtshäusern, wo sein Bruder am Fenster des einen stand, aus dem der Jubel erschallte, und ihn anrief. Er konnte nicht widerstehen, ging hinein und lebte nur seinen Lüsten.

Wiederum verstrich eine Zeit, da wollte der jüngste Königssohn ausziehen und sein Heil versuchen. Der Vater aber wollte es nicht zulassen. "Es ist vergeblich", sprach er, "der wird den goldenen Vogel noch weniger finden als seine Brüder, und wenn ihm ein Unglück zustößt, so weiß er sich nicht zu helfen; es fehlt ihm am Besten." Doch endlich, wie keine Ruhe mehr da war, ließ er ihn ziehen.

verstrichen war: had passed

anrief: called to

lebte...Lüsten: lived only for his passions

verstrich: passed

sein Heil versuchen: have a go at it

ihm zustößt: befalls him

es fehlt ihm am Besten: he lacks the best qualities

Very dem Walde saß wieder der Fuchs, bat um sein Leben und erteilte den guten Rat. Der Jüngling war gutmütig und sagte: "Sei ruhig, Füchslein, ich tue dir nichts zuleid."

"Es soll dich nicht gereuen", antwortete der Fuchs, "und damit du schneller fortkommst, so steig hinten auf meinen Schwanz." Und kaum hatte er sich aufgesetzt, so fing der Fuchs an zu laufen, und da gings über Stock und Stein, daß die Haare im Winde pfiffen. Als sie zu dem Dorfe kamen, stieg der Jüngling ab, befolgte den guten Rat und kehrte, ohne sich umzusehen, in das geringe Wirtshaus ein, wo er ruhig übernachtete.

erteilte: gave

gutmütig: good-natured

ich tue dir nichts zuleid: I won't hurt you

Es soll dich nicht gereuen: You won't be sorry

hatte sich aufgesetzt: had mounted

über Stock und Stein: over hedge and ditch

 

Am andern Morgen, wie er auf das Feld kam, saß da schon der Fuchs und sagte: "Ich will dir weiter sagen, was du zu tun hast. Geh du immer geradeaus, endlich wirst du an ein Schloß kommen, vor dem eine ganze Schar Soldaten liegt, aber kümmre dich nicht darum, denn sie werden alle schlafen und schnarchen. Geh mitten durch und geradeswegs in das Schloß hinein, und geh durch alle Stuben. Zuletzt wirst du in eine Kammer kommen, wo ein goldener Vogel in einem hölzernen Käfig hängt. Nebenan steht ein leerer Goldkäfig zum Prunk, aber hüte dich, daß du den Vogel nicht aus seinem schlechten Käfig herausnimmst und in den prächtigen tust, sonst möchte es dir schlimm ergehen."

Nach diesen Worten streckte der Fuchs wieder seinen Schwanz aus, und der Königssohn setzte sich auf. Da gings über Stock und Stein, daß die Haare im Winde pfiffen. Als er bei dem Schloß angelangt war, fand er alles so, wie der Fuchs gesagt hatte. Der Königssohn kam in die Kammer, wo der goldene Vogel in einem hölzernen Käfig saß, und ein goldener stand daneben. Die drei goldenen Äpfel aber lagen in der Stube umher.

befolgte: followed

Geh du immer geradeaus: Just keep going straight ahead

Schar: troop

zuletzt: finally

zum Prunk: for display

hüte dich: take care

tust: put

möchte: may

 

Da dachte er, es wäre lächerlich, wenn er den schönen Vogel in dem gemeinen und häßlichen Käfig lassen wollte, öffnete die Tür, packte ihn und setzte ihn in den goldenen. In dem Augenblick aver tat der Vogel einen durchdringenden Schrei. Die Soldaten erwachten, stürzten herein und führten ihn ins Gefängnis.

Den andern Morgen wurde er vor ein Gericht gestellt und, da er alles bekannte, zum Tode verurteilt. Doch sagte der König, er wollte ihm unter einer Bedingung das Leben schenken, wenn er ihm nämlich das goldene Pferd brächte, welches noch schneller liefe als der Wind, und dann sollte er obendrein zur Belohnung den goldenen Vogel erhalten.

tat einen durchdringenden Schrei: gave a piercing cry

stürzten herein: rushed in

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Wie erging es dem zweiten Sohn?

2. Warum wollte der Vater dem dritten Sohn zuerst nicht erlauben, den goldenen Vogel zu suchen?

3. Wie benahm sich der Jüngling dem Fuchs gegenüber?

4. Wie kam der Jüngling zu dem Dorf, wo die beiden Wirtshäuser standen?

5. In welches Wirtshaus kehrte er ein?

6. Was sagte ihm der Fuchs am andern Morgen?

7. Was sollte der Königssohn nicht tun?

8. Wie kam er zu dem Schloß, wo der goldene Vogel war?

9. Was geschah, als der Königssohn den Vogel in den goldenen Käfig steckte?

10. Wohin wurde der Königssohn geführt?

11. Was sprach das Gericht über ihn aus?

12. Unter welcher Bedingung wollte der König dem Jüngling das Leben schenken?

13. Was sollte er zur Belohnung erhalten?

 
ablassen (läßt ab; ie, a) - stop, leave off

Abschied nehmen (nimmt; a, genommen) von - take leave of

ausrichten - do, accomplish

baden - bathe

dulden - endure, tolerate

eilen - hurry

ergreifen (ergriff, ergriffen) - seize, grasp

festhalten (hält fest; ie, a) - hold fast; keep in custody

flehentlich - imploring(ly)

folgen (w/ dat.) - follow

fortführen - lead away

gelingen (a, u) (dat.) - succeed

graben (ä; u, a) - dig

zum Fenster hinaussehen (ie; a, e) - look out the window

r Kuß (¨-sse) - kiss

s Leder - leather

s Mitleid - sympathy

r Mut - courage; spirit, heart

r Sattel (¨) - saddle

schaufeln - shovel

verdienen - earn

wiehern - neigh

zustande bringen (brachte, gebracht) - bring about

Der Königssohn machte sich auf den Weg, seufzte aber und war traurig, denn wo sollte er das goldene Pferd finden? Da sah er auf einmal seinen alten Freund, den Fuchs, auf dem Wege sitzen. "Siehst du", sprach der Fuchs, "so ist es gekommen, weil du mir nicht gehört hast. Doch sei guten Mutes, ich will mich deiner annehmen und dir sagen, wie du zu dem goldenen Pferd gelangst. Du mußt geradesweges fortgehen, so wirst du zu einem Schloß kommen, wo das Pferd im Stalle steht. Vor dem Stall werden die Stallknechte liegen, aber sie werden schlafen und schnarchen, und du kannst geruhig das goldene Pferd herausführen. Aber eins mußt du in acht nehmen: leg ihm den schlechten Sattel von Holz und Leder auf und ja nicht den goldenen, der dabeihängt, sonst wird es dir schlimm ergehen."

Dann streckte der Fuchs seinen Schwanz aus, der Königssohn setzte sich auf, und es ging fort über Stock und Stein, daß die Haare im Winde pfiffen. Alles traf so ein, wie der Fuchs gesagt hatte. Er kam in den Stall, wo das goldene Pferd stand. Als er ihm aber den schlechten Sattel auflegen wollte, so dachte er: "Ein so schönes Tier wird verschändet, wenn ich ihm nicht den guten Sattel auflege, der ihm gebührt."

 

mir nicht gehört hast: did not obey me

sei guten Mutes: be of good cheer

mich deiner annehmen: take care of you (deiner is the genitive singular of du)

Stallknechte: stable hands

geruhig: perfectly calmly

eins: one thing

in acht nehmen: mind

leg ihm...auf: put...on him

traf so ein, wie: happened just as

verschändet: spoiled

der ihm gebührt: which is fitting to him

Kaum aber berührte der goldene Sattel das Pferd, so fing es an laut zu wiehern. Die Stallknechte erwachten, ergriffen den Jüngling und warfen ihn ins Gefängnis. Am andern Morgen wurde er vom Gerichte zum Tode verurteilt, doch versprach ihm der König das Leben zu schenken und dazu das goldene Pferd, wenn er die schöne Königstochter vom goldenen Schlosse herbeischaffen könnte.

Mit schwerem Herzen machte sich der Jüngling auf den Weg, doch zu seinem Glücke fand er bald den treuen Fuchs. "Ich sollte dich nur deinem Unglück überlassen", sagte der Fuchs, "aber ich habe Mitleiden mit dir und will dir noch einmal aus deiner Not helfen. Dein Weg führt dich gerade zu dem goldenen Schlosse. Abends wirst du anlangen, und nachts, wenn alles still ist, dann geht die schöne Königstochter ins Badehaus, um da zu baden. Und wenn sie hineingeht, so spring auf sie zu und gib ihr einen Kuß, dann folgt sie dir, und du kannst sie mit dir fortführen. Nur dulde nicht, daß sie vorher von ihren Eltern Abschied nimmt, sonst kann es dir schlecht ergehen."

herbeischaffen: bring...here

überlassen: leave...to

Badehaus: bathing house

spring auf sie zu: jump at her

 

Dann streckte der Fuchs seinen Schwanz, der Königssohn setzte sich auf, und so ging es über Stock und Stein, daß die Haare im Winde pfiffen. Als er beim goldenen Schloß ankam, war es so, wie der Fuchs gesagt hatte. Er wartete bis um Mitternacht, als alles in tiefem Schlaf lag und die schöne Jungfrau ins Badehaus ging, da sprang er hervor und gab ihr einen Kuß. Sie sagte, sie wollte gerne mit ihm gehen, bat ihn aber flehentlich und mit Tränen, er möchte ihr erlauben, vorher von ihren Eltern Abschied zu nehmen. Er widerstand anfänglich ihren Bitten, als sie aber immer mehr weinte und ihm zu Fuß fiel, so gab er endlich nach. Kaum aber war die Jungfrau zu dem Bette ihres Vaters getreten, so wachte er und alle anderen, die im Schloß waren, auf, und der Jüngling wurde festgehalten und ins Gefängnis gesetzt.

Am andern Morgen sprach der König zu ihm: "Dein Leben ist verwirkt, und du kannst bloß Gnade finden, wenn du den Berg abträgst, der vor meinen Fenstern liegt, und über welchen ich nicht hinaussehen kann, und das mußt du binnen acht Tagen zustande bringen. Gelingt dir das, so sollst du meine Tochter zur Belohnung haben."

er möchte ihr erlauben: to allow her

anfänglich: at first

verwirkt: forfeited

abträgst: remove

binnen: within

 

 

Der Königssohn fing an, grub und schaufelte, ohne abzulassen. Als er aber nach sieben Tagen sah, wie wenig er ausgerichtet hatte, und alle seine Arbeit so gut wie nichts war, so fiel er in große Traurigkeit und gab alle Hoffnung auf. Am Abend des siebenten Tags aber erschien der Fuchs und sagte: "Du verdienst nicht, daß ich mich deiner annehme, aber geh nur hin und lege dich schlafen, ich will die Arbeit für dich tun."

Am andern Morgen, als er erwachte und zum Fenster hinaussah, so war der Berg verschwunden. Der Jüngling eilte vor Freude zum König und meldete ihm, daß die Bedingung erfüllt wäre, und der König mochte wollen oder nicht, er mußte Wort halten und ihm seine Tochter geben.

mich deiner annehme: take care of you (deiner is the genitive form of du)

Wort halten: keep his word

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Warum seufzte der Königssohn?

2. Wozu riet ihm der Fuchs?

3. Was geschah, als er dem goldenen Pferde den goldenen Sattel auflegte?

4. Unter welcher Bedingung wollte ihm der König das Leben schenken?

5. Was sagte ihm sein Freund, der Fuchs?

6. Warum ging die Jungfrau nicht mit dem Königs-sohn?

7. Was mußte der Jüngling diesmal machen, um sein Leben zu retten?

8. Wer half ihm, den Berg abzutragen?

9. Was bekam der Königssohn als Belohnung?

 
abhauen (hieb ab, abgehauen) - cut off

r Abschied (-e) - farewell; dismissal

allerhand - all kinds of

alsbald - at once, immediately

aufhängen - hang; hang up

aufhören - stop (doing some thing)

sich befinden (a, u) - be; be situated

r Beistand - support, assistance Beistand leisten - give assis- tance

belohnen - reward

bestimmen - determine; appoint

bezahlen - pay (for)

r Bräutigam (-e) - fiancé; bridegroom

brennen (brannte, gebrannt) - burn

einwilligen - consent to; permit

r Erbe (-n, -n) - heir

hinrichten - execute, put to death

sich hüten - take care, be on one's guard

imstande sein - be capable of, be able to

loskaufen - ransom

rückwärts - backwards

r Schatz (¨-e) - treasure

s Tageslicht - daylight

unerhört - unheard-of, outra- geous

verraten (ä; ie, a) - betray

vertauschen - exchange

verwundert - astonished

r Wächter (-) - guard

zahlen - pay

r Zauber - magic

Nun zogen die beiden zusammen fort, und es währte nicht lange, so kam der treue Fuchs zu ihnen. "Das Beste hast du zwar", sagte er, "aber zu der Jungfrau aus dem goldenen Schloß gehört auch das goldene Pferd."

"Wie soll ich das bekommen?" fragte der Jüngling.

"Das will ich dir sagen", antwortete der Fuchs. "Zuerst bring dem Könige, der dich nach dem goldenen Schlosse geschickt hat, die schöne Jungfrau. Da wird unerhörte Freude sein, sie werden dir das goldene Pferd gerne geben und werden dir's vorführen. Setz dich alsbald auf und reiche allen zum Abschied die Hand herab, zuletzt der schönen Jungfrau, und, wenn du sie gefaßt hast, so zieh sie mit einem Schwung hinauf und jage davon. Und niemand ist imstande, dich einzuholen, denn das Pferd läuft schneller als der Wind."

zogen fort: departed

es währte nicht lange, so: it was not long until

vorführen: bring

Setz dich auf: Mount

Schwung: swing

jage davon: race away

Alles wurde glücklich vollbracht und der Königssohn führte die schöne Jungfrau auf dem goldenen Pferde fort. Der Fuchs blieb nicht zurück und sprach zu dem Jüngling: "Jetzt will ich dir auch zu dem goldenen Vogel verhelfen. Wenn du nahe bei dem Schlosse bist, wo sich der Vogel befindet, so laß die Jungfrau absitzen, und ich will sie in meine Obhut nehmen. Dann reit mit dem goldenen Pferd in den Schloßhof. Bei dem Anblick wird große Freude sein, und sie werden dir den goldenen Vogel herausbringen. Wie du den Käfig in der Hand hast, so jage zu uns zurück und hole dir die Jungfrau wieder ab."

Als der Anschlag geglückt war und der Königssohn mit seinen Schätzen heimreiten wollte, so sagte der Fuchs: "Nun sollst du mich für meinen Beistand belohnen."

"Was verlangst du dafür?" fragte der Jüngling.

"Wenn wir dort in den Wald kommen, so schieß mich tot und hau mir Kopf und Pfoten ab."

verhelfen: help

absitzen: dismount

sie in meine Obhut nehmen: take her under my wings

bei dem Anblick: at the sight

jage zurück: race back

Als der Anschlag geglückt war: When the plan had succeeded

 

"Das wäre eine schöne Dankbarkeit", sagte der Königssohn, "das kann ich dir unmöglich gewähren."

Der Fuchs sprach: "Wenn du es nicht tun willst, so muß ich dich verlassen. Ehe ich aber fortgehe, will ich dir noch einen guten Rat geben. Vor zwei Stücken hüte dich: kauf kein Galgenfleisch und setze dich an keinen Brunnenrand." Damit lief er in den Wald.

Der Jüngling dachte: "Das ist ein wunderliches Tier, das seltsame Grillen hat. Wer wird Galgenfleisch kaufen! Und die Lust, mich an einen Brunnenrand zu setzen, ist mir noch niemals gekommen."

gewähren: grant

Vor zwei Stücken hüte dich: Take care not to do two things

Galgenfleisch: gallows meat

wunderlich: strange

Grillen hat: worries unnecessarily

 
Er ritt mit der schönen Jungfrau weiter, und sein Weg führte ihn wieder durch das Dorf, in welchem seine beiden Brüder geblieben waren. Da war großer Auflauf und Lärmen, und als er fragte, was da vor wäre, hieß es, es sollten zwei Leute aufgehängt werden. Als er näher hinzukam, sah er, daß es seine Brüder waren, die allerhand schlimme Streiche verübt und all ihr Gut vertan hatten. Er fragte, ob sie nicht könnten frei gemacht werden. "Wenn Ihr für sie bezahlen wollt", antworteten die Leute, "aber was wollt Ihr an die schlechten Menschen Euer Geld hängen und sie loskaufen." Er besann sich aber nicht, zahlte für sie, und als sie frei gegeben waren, so setzten sie die Reise gemeinschaftlich fort. Auflauf und Lärmen: uproar

was da vor wäre: what was going on

hieß es: it was reported

näher hinzukam: came closer

die allerhand...vertan hatten: who had done all sorts of mean tricks and had wasted their possessions

besann sich nicht: didn't think

gemeinschaftlich: together

Sie kamen in den Wald, wo ihnen der Fuchs zuerst begegnet war, und da es darin kühl und lieblich war und die Sonne heiß brannte, so sagten die beiden Brüder: "Laßt uns hier an dem Brunnen ein wenig ausruhen, essen und trinken." Er willigte ein, und während des Gesprächs vergaß er sich, setzte sich an den Brunnenrand und versah sich nichts Arges. Aber die beiden Brüder warfen ihn rückwärts in den Brunnen, nahmen die Jungfrau, das Pferd und den Vogel, und zogen heim zu ihrem Vater.

"Da bringen wir nicht bloß den goldenen Vogel", sagten sie. "Wir haben auch das goldene Pferd und die Jungfrau von dem goldenen Schlosse erbeutet." Da war große Freude, aber das Pferd, das fraß nicht, der Vogel, der pfiff nicht, und die Jungfrau, die saß und weinte.

versah sich: expected

erbeutet: captured

Der jüngste Bruder war aber nicht umgekommen. Der Brunnen war zum Glück trocken, und er fiel auf weichen Moos, ohne Schaden zu nehmen, konnte aber nicht wieder heraus. Auch in dieser Not verließ ihn der treue Fuchs nicht, kam zu ihm herabgesprungen und schalt ihn, daß er seinen Rat vergessen hätte. "Ich kann's aber doch nicht lassen", sagte er. "Ich will dir wieder an das Tageslicht helfen." Er sagte ihm, er sollte seinen Schwanz anpacken und sich fest daran halten, und zog ihn dann in die Höhe.

"Noch bist du nicht aus aller Gefahr", sagte der Fuchs. "Deine Brüder waren deines Todes nicht gewiß und haben den Wald mit Wächtern umstellt. Die sollen dich töten, wenn du dich sehen ließest." Da saß ein armer Mann am Weg, mit dem vertauschte der Jüngling die Kleider und gelangte auf diese Weise an des Königs Hof.

trocken: dry

Moos: moss

kam herabgesprungen: came jumping down

schalt: scolded

Ich kanns...nicht lassen: But I can't help it

anpacken: grab hold of

umstellt: surrounded

auf diese Weise: in this way

Niemand erkannte ihn, aber der Vogel fing an zu pfeifen, das Pferd fing an zu fressen, und die schöne Jungfrau hörte auf zu weinen. Der König fragte verwundert: "Was hat das zu bedeuten?"

Da sprach die Jungfrau: "Ich weiß es nicht, aber ich war so traurig, und nun bin ich so fröhlich. Es ist mir, als wäre mein rechter Bräutigam gekommen." Sie erzählte ihm alles, was geschehen war, obgleich die andern Brüder ihr den Tod angedroht hatten, wenn sie etwas verraten würde.

Der König hieß alle Leute vor sich bringen, die in seinem Schloß waren; da kam auch der Jüngling als ein alter Mann in seinen Lumpenkleidern, aber die Jungfrau erkannte ihn gleich und fiel ihm um den Hals. Die gottlosen Brüder wurden ergriffen und hingerichtet, er aber wurde mit der schönen Jungfrau vermählt und zum Erben des Königs bestimmt.

Was hat das zu bedeuten? - What does that mean?

angedroht: threatened with

hieß: commanded that

Lumpenkleidern: shabby clothes

wurde vermählt: was married

 

Aber wie ist es dem armen Fuchs ergangen? Lange danach ging der Königssohn einmal wieder in den Wald, da begegnete ihm der Fuchs und sagte: "Du hast nun alles, was du dir wünschen kannst; aber mit meinem Unglück will es kein Ende nehmen, und es steht doch in deiner Macht, mich zu erlösen." Und abermals bat er flehentlich, er möchte ihn totschießen und ihm Kopf und Pfoten abhauen. Also tat er's, und kaum war es gescheh- en, so verwandelte sich der Fuchs in einen Menschen, und war niemand anders als der Bruder der schönen Königstochter, der endlich von dem Zauber, der auf ihm lag, erlöst war. Und nun fehlte nichts mehr zu ihrem Glück, solange sie lebten.  
Beantworten Sie die folgendedn Fragen!

1. Was machte der Königssohn, um auch die schöne Jungfrau zu behalten?

2. Wie bekam er auch den goldenen Vogel, ohne das goldene Pferd zu verlieren?

3. Was für eine Belohnung verlangte der Fuchs von dem Königssohn?

4. Vor welchen zwei Dingen sollte sich der Jüngling hüten?

5. Was für Galgenfleisch kaufte er trotzdem?

6. Was geschah, als der dritte Königssohn sich an den Brunnenrand gesetzt hatte?

7. Wie zeigten Vogel, Pferd und Jungfrau, daß sie traurig waren?

8. Wie kam der Jüngling aus dem Brunnen heraus?

9. Wie kam der dritte Königssohn unerkannt in das Schloß seines Vaters?

10. Wer erkannte zuerst den jüngsten Königssohn?

11. Wie erging es den beiden Brüdern?

12. Warum schoß der Königssohn den Fuchs tot?

13. In was wurde der tote Fuchs verwandelt?

* * * * *

Schreiben Sie über die Entwicklung des Themas "Tiere leisten Beistand" in diesem Märchen und in der "weißen Schlange"!

 

Getting with Grammar

The past subjunctive II of sein-verbs (sein, bleiben, and intransitive verbs of change of place or state) looks like this:

ich wäre gegangen

du wärest gegangen

er, sie, es wäre gegangen

wir wären gegangen

ihr wäret gegangen

sie, Sie wären gegangen

If you want to construct a sentence containing an unreal condition in the past, you will need to use past subjunctive II forms. Here is such a sentence, using both a haben-verb and a sein-verb: Wenn du mich eingeladen hättest, wäre ich natürlich gekommen. (If you had invited me, I would have come, of course.)

I can't. You do it!

Du is often used with the familiar singular imperative to indicate a contrast with another person, e.g., Geh du mal zuerst hinein. Ich komme nach. ("You go in first. I'll follow.")

Quite a few German verbs, of which the following are among the most important, take dative objects:

antworten - Antworte mir doch!

befehlen -Läßt du dir von ihm befehlen?

begegnen - Wo seid ihr ihnen begegnet?

danken - Ich danke dir.

drohen - Er droht nur mit Worten.

fehlen - Ihm fehlt nichts.

folgen - Die Ratten folgten ihm

gefallen - Gefällt Ihnen das?

gehören - Wem gehört das?

glauben - Wir glauben es ihm nicht.

helfen - Kannst du mir helfen?

The following declension illustrates weak, mixed, and strong endings of adjectives modifying neuter singular nouns:

Nominative

das deutsche Bier

ein deutsches Bier

deutsches Bier

Accusative

das deutsche Bier

ein deutsches Bier

deutsches Bier

Dative

dem deutschen Bier

einem deutschen bier

deutschem Bier

Genitive

des deutschen Biers

eines deutschen Biers

deutschen Biers

 

 

Against Reason?

Widerstehen "to resist"), widersprechen ("to contradict"), and widerfahren ("to befall") take dative objects, although the preposition wider ("against") takes an accusative object.

All appears without an adjective ending only before der-words and ein-words.

 

 

 

 

Aschenputtel

 

 

 

 
auslesen (ie; a, e) - choose, pick out

aussehen (ie; a, e) - look, appear

beistehen (a, a) (w/ dat.) - stand by, assist

r Busch (¨-e) - bush; shrub

darum - for that reason, therefore

e Erbse (-n) - pea

s Frühjahr (-e) - spring

garstig - nasty, vile

s Grab (¨-er) - grave

r Haselbusch (¨-e) - hazel bush

r Herd (-e) - fireplace; kitchen range

r Hut (¨-e) - hat

r Kittel (-) - smock

e Küche (-n) - kitchen

e Linse (-n) - lentil

e Messe (-n) - fair; mass

pflanzen - plant

e Prinzessin (-nen) - princesss

s Reis (-er) - twig

r Rückweg (-e) - the way back, return (route)

schmutzig - dirty

r Schnee - snow

schütten - pour; spill

staubig - dusty

s Stiefkind (-er) - stepchild

die Stiefschwester (-n) - ste-p sister

e Stieftochter (¨) - stepdaughter

wachsen (ä; u, a) - grow

waschen (ä; u, a) - wash

Einem reichen Manne, dem wurde seine Frau krank, und als sie fühlte, daß ihr Ende herankam, rief sie ihr einziges Töchterlein zu sich ans Bett und sprach: "Liebes Kind, bleibe fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich herabblicken, und will um dich sein." Darauf tat sie die Augen zu und verschied.

Das Mädchen ging jeden Tag hinaus zu dem Grabe der Mutter und weinte, und blieb fromm und gut. Als der Winter kam, deckte der Schnee ein weißes Tüchlein auf das Grab, und als die Sonne im Frühjahr es wieder herabgezogen hatte, nahm sich der Mann eine andere Frau.

Die Frau hatte zwei Töchter mit ins Haus ge- bracht, die schön und weiß von Angesicht waren, aber garstig und schwarz von Herzen. Da ging eine schlimme Zeit für das arme Stiefkind an. "Soll die dumme Gans bei uns in der Stube sitzen!’ sprachen sie. "Wer Brot essen will, muß es verdienen. Hinaus mit der Küchenmagd."

Einem reichen Mann...krank: The wife of a wealthy man became sick

fromm: pious

tat zu: closed

verschied: died

herabgezogen: removed

Angesicht: countenance

ging an: began

Küchenmagd: kitchen maid

 

Sie nahmen ihr die schönen Kleider weg, zogen ihr einen grauen alten Kittel an, und gaben ihr hölzerne Schuhe. "Seht einmal die stolze Prinzessin, wie sie geputzt ist!" riefen sie, lachten und führten sie in die Küche. Da mußte sie von Morgen bis Abend schwere Arbeit tun, früh vor Tag aufstehen, Wasser tragen, Feuer anmachen, kochen und waschen.

Obendrein taten ihr die Schwestern alles ersinnliche Herzeleid an, verspotteten sie und schütteten ihr die Erbsen und Linsen in die Asche, so daß sie sitzen und sie wieder auslesen mußte. Abends, wenn sie sich müde gearbeitet hatte, kam sie in kein Bett, sondern mußte sich neben den Herd in die Asche legen. Und weil sie darum immer staubig und schmutzig aussah, nannten sie sie Aschenputtel.

Es trug sich zu, daß der Vater einmal in die Messe ziehen wollte, da fragte er die beiden Stieftöchter, was er ihnen mitbringen sollte. "Schöne Kleider", sagte die eine, "Perlen und Edelsteine", die zweite.

wie sie geputzt ist: how well attired she is

taten ihr alles ersinnliche Herzeleid an: caused her every imaginable heartache

 

 

"Aber du, Aschenputtel", sprach er, "was willst du haben?"

"Vater, das erste Reis, das Euch auf Eurem Heimweg an den Hut stößt, das brecht für mich ab."

Er kaufte nun für die beiden Stiefschwestern schöne Kleider, Perlen und Edelsteine, und auf dem Rückweg, als er durch einen grünen Busch ritt, streifte ihn ein Haselreis und stieß ihm den Hut ab. Da brach er das Reis ab und nahm es mit.

Als er nach Hause kam, gab er den Stieftöchtern, was sie sich gewünscht hatten, und Aschenputtel gab er das Reis von dem Haselbusch. Aschenputtel dankte ihm, ging zu ihrer Mutter Grab und pflanzte das Reis darauf, und weinte so sehr, daß die Tränen darauf niederfielen und es begossen.

auf Eurem Heimweg: on your way home

streifte: brushed

stieß ihm den Hut ab: knocked his hat off

begossen: watered

 

Er wuchs aber und wurde ein schöner Baum. Aschenputtel ging alle Tage dreimal darunter, weinte und betete, und allemal kam ein weißes Vöglein auf den Baum, und wenn sie einen Wunsch aussprach, so warf ihr das Vöglein herab, was sie sich gewünscht hatte. allemal: every time

aussprach: expressed

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Was versprach Aschenputtels Mutter, als sie im Sterben lag?

2. Wohin ging Aschenputtel jeden Tag?

3. Wann nahm ihr Vater eine andere Frau?

4. Wie sahen die Töchter von der neuen Frau aus?

5. Was für Kleider zogen sie Aschenputtel an?

6. Welche Arbeit mußte Aschenputtel von nun an tun?

7. Warum schütteten die Stiefschwestern Erbsen und Linsen in die Asche?

8. Wo mußte Aschenputtel schlafen?

9. Was sollte der Vater den Stieftöchtern und Aschenputtel von der Messe zurückbringen?

10. Was machte Aschenputtel mit dem Haselreis, das der Vater ihr gab?

11. Was machte sie dreimal pro Tag unter dem Haselbäumchen?

12. Was für ein Tier kam jedesmal?

13. Wie bekam Aschenputtel die Sachen, die sie sich wünschte?

auslachen - laugh at, deride, ridicule

aussuchen - select, choose begleiten - accompany

bürsten - brush

in aller Eile - in great haste

entgegenkommen (kam entgegen, o) (w/ dat.) - come to meet

entwischen (w/ dat.) - slip away from, escape from

entzweischlagen (ä; u, a) - smash, shatter

erstaunen - be amazed, be astonished

festmachen - attach, fasten; fix, settle

fremd - foreign; strange

gehorchen (w/ dat.) - obey

herum - over, finished

hinten - in the back, at the rear

e Hintertür (-en) - back door

e Jungfrau (-en) - maiden; virgin

kämmen - comb

r Kopf (¨-e) - head

e Öllampe (-n) - oil lamp

r Pantoffel (-n) - slipper

sich schämen (w/ gen.) - be ashamed of

r Schmutz - dirt, filth

e Schnalle (-n) - buckle

s Silber - silver

r Staub - dust

e Tänzerin (-nen) - dancer (f.)

zahm - tame

 

Es begab sich aber, daß der König ein Fest anstellte, das drei Tage dauern sollte, und wozu alle schönen Jungfrauen im Lande eingeladen wurden, damit sich sein Sohn eine Braut aussuchen möchte. Die zwei Stiefschwestern, als sie hörten, daß sie auch dabei erscheinen sollten, waren guter Dinge, riefen Aschenputtel und sagten: "Kämm uns die Haare, bürste uns die Schuhe und mache uns die Schnallen fest, wir gehen zur Hochzeit auf des Königs Schloß."

Aschenputtel gehorchte, weinte aber, weil sie auch gern zum Tanz mitgegangen wäre, und bat die Stiefmutter, sie möchte es ihr erlauben. "Du Aschenputtel", sprach sie, "bist voll Staub und Schmutz, und willst zur Hochzeit? Du hast keine Kleider und Schuhe, und willst tanzen!"

Als sie aber mit Bitten anhielt, sprach sie endlich: "Da habe ich dir eine Schüssel Linsen in die Asche geschüttet. Wenn du die Linsen in zwei Stunden wieder ausgelesen hast, so sollst du mitgehen."

anstellte: put on (arranged)

waren guter Dinge: were in high spirits

anhielt: persisted

Das Mädchen ging durch die Hintertür nach dem Garten und rief: "Ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen,

die guten ins Töpfchen,

die schlechten ins Kröpfchen."

Da kamen zum Küchenfenster zwei weiße Täubchen herein, und danach die Turteltäubchen, und endlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel herein und ließen sich um die Asche nieder. Und die Täubchen nickten mit den Köpfchen und fingen an pick, pick, pick, pick, und da fingen die übrigen auch an pick, pick, pick, pick, und lasen alle guten Körnlein in die Schüssel. Kaum war eine Stunde herum, so waren sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus.

Turteltäubchen: turtle-doves

lesen: gather

Kröpfchen: craw

schwirrten: whirred

schwärmten: swarmed

pick: peck

lasen: gathered

 

Da brachte das Mädchen die Schüssel der Stiefmutter, freute sich und glaubte, sie dürfte nun mit auf die Hochzeit gehen. Aber sie sprach: "Nein, Aschenputtel, du hast keine Kleider, und kannst nicht tanzen; du wirst nur ausgelacht."

Als sie nun weinte, sprach die Stiefmutter: "Wenn du mir zwei Schüsseln voll Linsen in einer Stunde aus der Asche rein lesen kannst, so sollst du mitgehen", und dachte: "Das kann sie ja nimmermehr."

Als die Stiefmutter die zwei Schüsseln Linsen in die Asche geschüttet hatte, ging das Mädchen durch die Hintertür nach dem Garten und rief: "Ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen,

die guten ins Töpfchen,

die schlechten ins Kröpfchen."

rein lesen: pick neatly

nimmermehr: never

 

Da kamen zum Küchenfenster zwei weiße Täubchen herein und danach die Turteltäubchen, und endlich schwirrten und schwärmten alle Vögel unter dem Himmel herein und ließen sich um die Asche nieder. Und die Täubchen nickten mit ihren Köpfchen und fingen an pick, pick, pick, pick, und da fingen die übrigen auch an pick, pick, pick, pick, und lasen alle guten Körner in die Schüsseln. Und ehe eine halbe Stunde herum war, waren sie schon fertig, und flogen alle wieder hinaus.

Da trug das Mädchen die Schüsseln zu der Stiefmutter, freute sich und glaubte, nun dürfte sie mit auf die Hochzeit gehen. Aber die Stiefmutter sprach: "Es hilft dir alles nichts. Du kommst nicht mit, denn du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen; wir müßten uns deiner schämen." Darauf kehrte sie ihr den Rücken zu und eilte mit ihren zwei stolzen Töchtern fort.

Es hilft dir alles nichts: It's no use

kehrte ihr den Rücken zu: turned her back to her

 

Als nun niemand mehr daheim war, ging Aschenputtel zu ihrer Mutter Grab unter den Haselbaum und rief:

"Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,

wirf Gold und Silber über mich."

Da warf ihr der Vogel ein goldenes und silbernes Kleid herunter und mit Seide und Silber ausgestickte Pantoffeln. In aller Eile zog sie das Kleid an und ging zur Hochzeit.

Ihre Schwestern aber und die Stiefmutter kannten sie nicht und meinten, sie müsse eine fremde Königstochter sein, so schön sah sie in dem goldenen Kleide aus. An Aschenputtel dachten sie gar nicht und dachten, sie säße daheim im Schmutz und suchte die Linsen aus der Asche. Der Königssohn kam ihr entgegen, nahm sie bei der Hand und tanzte mit ihr. Er wollte auch sonst mit niemand tanzen, also daß er ihr die Hand nicht losließ, und wenn ein anderer kam, sie aufzufordern, sprach er: "Das ist meine Tänzerin."

rüttel dich und schüttel dich: shake

ausgestickt: embroidered

sie aufzufordern: to ask her to dance

Sie tanzte, bis es Abend war, da wollte sie nach Haus gehen. Der Königssohn aber sprach: "Ich gehe mit und begleite dich", denn er wollte sehen, wem das schöne Mädchen angehörte. Sie entwischte ihm aber und sprang in das Taubenhaus. Nun wartete der Königssohn, bis der Vater kam, und sagte ihm, das fremde Mädchen wäre in das Taubenhaus gesprungen.

Der Alte dachte: "Sollte es Aschenputtel sein?" und sie mußten ihm Axt und Hacken bringen, damit er das Taubenhaus entzweischlagen konnte; aber es war niemand darin. Und als sie ins Haus kamen, lag Aschenputtel in ihren schmutzigen Kleidern in der Asche, und ein trübes Öllämpchen brannte im Schornstein; denn Aschenputtel war geschwind aus dem Taubenhaus hinten herabgesprungen, und war zu dem Haselbäumchen gelaufen. Da hatte sie die schönen Kleider abgezogen und aufs Grab gelegt, und der Vogel hatte sie wieder weggenommen, und dann hatte sie sich in ihrem grauen Kittelchen in die Küche zur Asche gesetzt.

angehörte: belonged

Hacken: mattocks

trüb: dull

Schornstein: chimney

abgezogen: removed

 

 

 

Am andern Tag, als das Fest von neuem anhub, und die Eltern und Stiefschwestern wieder fort waren, ging Aschenputtel zu dem Haselbaum und sprach:

"Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich.

wirf Gold und Silber über mich."

Da warf der Vogel ein noch viel stolzeres Kleid herab als am vorigen Tag. Und als sie mit diesem Kleide auf der Hochzeit erschien, erstaunte jedermann über ihre Schönheit. Der Königssohn aber hatte gewartet, bis sie kam, nahm sie gleich bei der Hand und tanzte nur allein mit ihr. Wenn die andern kamen und sie aufforderten, sprach er: "Das ist meine Tänzerin."

anhub: began
Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Wen lud der König zum Feste ein?

2. Wie reagierten die Stiefschwestern auf die Einladung?

3. Warum weinte Aschenputtel?

4. Warum lehnte die Stiefmutter Aschenputtels Bitte ab?

5. Was mußte Aschenputtel tun, um zum Tanz gehen zu dürfen?

6. Wer half ihr bei der Erfüllung dieser Bedingung?

7. Warum hielt die Stiefmutter ihr Versprechen nicht?

8. Wie unterschied sich die erste Bedingung der Stiefmutter von der zweiten?

9. Wohin ging das traurige Aschenputtel, nachdem die Stiefmutter und Stiefschwestern zum Tanz gegangen waren?

10. Was warf der Vogel ihr herunter?

12. Wer erkannte das schön gekleidete Aschenputtel?

13. Wie lange tanzte der Königssohn mit ihr?

14. Was erwiderte der Königssohn, als Aschenputtel ihm sagte, sie wolle jetzt gehen?

15. Was machte Aschenputtels Vater, als der Königssohn ihm gesagt hatte, das fremde Mädchen sei ins Taubenhaus gesprungen?

16. Wohin ging Aschenputtel am nächsten Tag?

anprobieren - try on

r Ärger - anger

s Auge (-n) - eye

bestrafen - punish

bestreichen (i, i) - smear; coat

r Birnbaum (¨-e) - pear tree

e Birne (-n) - pear

bleich - pale

e Bosheit (-en) - wickedness durchaus - thoroughly

entspringen (a, u) (w/ dat.) - escape

e Ferse (-n) - heel

fort (as verb prefix) - on; away, off; continuously

zu Fuß gehen - go on foot

s Gesicht (-er) - face

halten (hält; ie, a) - hold; stop; keep

hängenbleiben (ie, ie) - get stuck

e Kirche (-n) - church

links - on the left

e List (-en) - cunning; underhand trick

s Messer (-) - knife

sich neigen - bow

passen (w/ dat.) - fit

s Pech - pitch; bad luck

rechts - on the right

e Schulter (-n) - shoulder

steigen (ie, ie) - climb

r Strumpf (¨-e) - stocking

teilnehmen (nimmt teil; a, teilgenommen) an (w/ dat.) - take part in, participate in

verstorben - deceased

e Zehe (-n) - toe

Als es nun Abend war, wollte sie fort, und der Königssohn ging ihr nach und wollte sehen, in welches Haus sie ging. Aber sie sprang ihm fort und in den Garten hinter dem Haus. Darin stand ein schöner großer Baum, an dem die herrlichsten Birnen hingen. Sie kletterte so behend wie ein Eichhörnchen zwischen die Äste, und der Königssohn wußte nicht, wo sie hingekommen war. Er wartete aber, bis der Vater kam, und sprach zu ihm: "Das fremde Mädchen ist mir entwischt, und ich glaube, sie ist auf den Birnbaum gesprungen."

Der Vater dachte: "Sollte es Aschenputtel sein?" ließ sich die Axt holen und hieb den Baum um, aber es war niemand darauf. Und als sie in die Küche kamen, lag Aschenputtel da in der Asche, wie sonst auch, denn sie war auf der andern Seite vom Baum herabgesprungen, hatte dem Vogel auf dem Haselbäumchen die schönen Kleider wiedergebracht und sein graues Kittelchen angezogen.

ging ihr nach: followed her

behend: nimbly

hieb um: felled

darauf: in it

wie sonst auch: as usual

 

Am dritten Tag, als die Eltern und Schwestern fort waren, ging Aschenputtel wieder zu ihrer Mutter Grab und sprach zu dem Bäumchen:

"Bäumchen, rüttel dich unf schüttel dich.

wirf Gold und Silber über mich."

Nun warf ihr der Vogel ein Kleid herab, das so prächtig und glänzend war, wie sie noch keins gehabt hatte, und die Pantoffeln waren ganz golden. Als sie in dem Kleid zu der Hochzeit kam, wußten sie alle nicht, was sie vor Verwunderung sagen sollten. Der Königssohn tanzte ganz allein mit ihr, und wenn sie einer aufforderte, sprach er: "Das ist meine Tänzerin."

wußten sie...sagen sollten: they were all so amazed that they didn't know what to say

Als es nun Abend war, wollte Aschenputtel fort, und der Königssohn wollte sie begleiten, aber sie entsprang ihm so geschwind, daß er nicht folgen konnte. Der Königssohn hatte aber eine List gebraucht, und hatte die ganze Treppe mit Pech bestreichen lassen. Da war, als sie hinabsprang, der linke Pantoffel des Mädchens hängen geblieben. Der Königssohn hob ihn auf, und er war klein und zierlich und ganz golden.

Am nächsten Morgen ging er damit zu dem König und sagte zu ihm: "Keine andere soll meine Gemahlin werden als die, an deren Fuß dieser goldene Schuh paßt."

hatte...bestreichen lassen: had had the entire stairway smeared with piitch

zierlich: dainty

 

 

Da freuten sich die beiden Schwestern, denn sie hatten schöne Füße. Die älteste ging mit dem Schuh in die Kammer und wollte ihn anprobieren, und die Mutter stand dabei. Aber sie konnte mit der großen Zehe nicht hineinkommen, und der Schuh war ihr zu klein. Da reichte ihr die Mutter ein Messer und sprach: "Hau die Zehe ab! Wenn du Königin bist, so brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen." Das Mädchen hieb die Zehe ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiß den Schmerz und ging heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort.

Sie mußten aber an dem Grabe vorbei, da saßen die zwei Täubchen auf dem Haselbäumchen und riefen:

"Rucke di guck, rucke di guck,

Blut ist im Schuck:

Der Schuck ist zu klein,

die rechte Braut sitzt noch daheim."

zwängte: forced

verbiß: suppressed

Rucke di guck = Rücke dich (und) guck: turn and look

Schuck = Schuh

Da blickte er auf ihren Fuß und sah, wie das Blut herausquoll. Er wendete sein Pferd um, brachte die falsche Braut wieder nach Hause und sagte, das wäre nicht die rechte, die andere Schwester solle den Schuh anziehen.

Da ging diese in die Kammer und kam mit den Zehen glücklich in den Schuh, aber die Ferse war zu groß. Da reichte ihr die Mutter ein Messer und sprach: "Hau ein Stück von der Ferse ab. Wenn du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen." Das Mädchen hieb ein Stück von der Ferse ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiß den Schmerz und ging heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort.

herausquoll: gushed out

wendete um: turned...around

 

Als sie an dem Haselbäumchen vorbeikamen, saßen die zwei Täubchen darauf und riefen:

"Rucke di guck, rucke di guck.

Blut ist im Schuck:

Der Schuck ist zu klein,

die rechte Braut sitzt noch daheim."

Er blickte nieder auf ihren Fuß und sah, wie das Blut aus dem Schuh quoll und an den weißen Strümpfen ganz rot heraufgestiegen war. Da wendete er sein Pferd und brach- te die falsche Braut wieder nach Haus.

"Das ist auch nicht die rechte", sprach er. "Habt ihr keine andere Tochter?"

"Nein", sagte der Mann, "nur von meiner verstorbenen Frau ist noch ein kleines verbuttetes Aschenputtel da; sie kann unmöglich die Braut sein."

verbuttet: stunted

 

 

Der Königssohn sprach, er sollte sie heraufschicken.

Die Mutter aber antwortete: "Ach nein, sie ist viel zu schmutzig, sie darf sich nicht sehen lassen."

Er wollte sie aber durchaus haben, und Aschenputtel mußte gerufen werden. Da wusch sie sich erst Hände und Angesicht rein, ging dann hin und neigte sich vor dem Königssohn, der ihr den goldenen Schuh reichte. Dann setzte sie sich auf einen Schemel, zog den Fuß aus dem schweren Holzschuh und steckte ihn in den Pantoffel; der war wie angegossen. Und als sie sich in die Höhe richtete und der Königssohn ihr ins Gesicht sah, so erkannte er das schöne Mädchen, das mit ihm getanzt hatte, und rief: "Das ist die rechte Braut." Die Stiefmutter und die beiden Schwestern erschraken und wurden bleich vor Ärger. Er aber nahm Aschenputtel aufs Pferd und ritt mit ihr fort.

Angesicht: face

Schemel: stool

wie angegossen: a perfect fit

sich in die Höhe richtete: stood up

Als sie an dem Haselbäumchen vorbeikamen, riefen die zwei weißen Täubchen:

"Rucke di guck, rucke di guck,

kein Blut ist im Schuck:

Der Schuck ist nicht zu klein,

die rechte Braut, die führt er heim."

Und als sie das gerufen hatten, kamen sie beide herabgeflogen und setzten sich Aschenputtel auf die Schultern, eine rechts, die andere links, und blieben da sitzen.

 
Als die Hochzeit mit dem Königssohn sollte gehalten werden, kamen die falschen Schwestern, wollten sich einschmeicheln und teil an Aschenputtels Glück nehmen. Als die Brautleute nun zur Kirche gingen, war die älteste zur rechten, die jüngste zur linken Seite; da pickten die Tauben einer jeden das eine Auge aus. Hernach, als sie herausgingen, war die älteste zur linken und die jüngste zur rechten; da pickten die Tauben einer jeden das andere Auge aus. Also waren sie für ihre Bosheit und Falschheit mit Blindheit auf ihr Lebtag bestraft. falsch: deceitful

sich einschmeicheln: ingratiate themselves

Brautleute: bridal couple

pickten aus: pecked out

einer jeden: of each

Falschheit: deceitfulness

Blindheit auf ihr Lebtag: lifelong blindness

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Wohin ging Aschenputtel, als sie am zweiten Abend dem Königssohn entwischt war?

2. Was machte der Vater, als der Königssohn sagte, das fremde Mädchen sei auf den Birnbaum gesprungen?

3. Wie bekam Aschenputtel ihr graues Kittelchen wieder?

4. Was für ein Kleid trug Aschenputtel am dritten Tag des Festes?

5. Wie bekam der Königssohn den linken Pantoffel von Aschenputtel?

6. Was sagte er am anderen Morgen zu dem König?

7. Was machte die erste Stiefschwester, um den Fuß in den Schuh zu bekommen?

8. Wie entdeckte der Königssohn, daß diese Stief- schwester die falsche Braut sei?

9. Wie bekam die zweite Steifschwester den Fuß in den Schuh?

10. Was machte der Königssohn, nachdem die Vögel ihm gesagt hatten, die rechte Braut sitze noch daheim?

11. Warum mußte Aschenputtel gerufen werden?

12. Warum war es ihr nicht schwer, sich den Pantoffel anzuziehen?

13. Wohin setzte der Königssohn die rechte Braut?

14. Was sagten die Vögel, als die beiden an dem Haselbäumchen vorbeiritten?

15. Wohin setzten sich die beiden Vögel?

16. Warum kamen die Stiefschwestern zu der Hochzeit?

17. Was machten die Tauben, als die Brautleute zur Kirche gingen?

18. Wie ist es den beiden Schiefschwestern ergangen, als sie aus der Kirche herauskamen?

19. Warum wurden sie bestraft?

* * * * *

Vergleichen Sie die Grimm-Fassung von "Aschenputtel" mit der verschönerten Disney-Fassung! Welche Fassung gefällt Ihnen besser? Warum?

Getting with Grammar

Sometimes one cannot use the "motion toward" rule in determining which case to use after two-way prepositions. For example, the expressions denken an (think about), warten auf (wait for), and sprechen über (talk about) take accusative objects, although there is no motion toward the objects; in fact, über takes an accusative object whenever it means "about." Examples:

Ich habe immer nur an dich gedacht.

Das arme Kind muß jeden Tag auf seine Mutter warten.

Hoffentlich werden wir über die neuen Filme sprechen.

Other motionless expressions involving two-way prepositions with accusative objects are sich wundern über (marvel at), sich erinnern an (remember), and sehen auf (look at).

* * * * *

Nouns of quantity are not followed by prepositional phrases in German.While English says "a cup of coffee" and "a pound of flour," German uses eine Tasse Kaffee and ein Pfund Mehl. German nouns of qualtity, if masculine or neuter, remain singular even when modified by numbers greater than one, whereas feminine nouns use their plural forms. Examples: zwei Stück Kuchen, zwei Portionen Eis.

With prepositions taking dative and/or accusative objects, Germans usually replace a neuter personal pronoun (in English, "it" and "them," ie.e, more than one "it") with the prefix da- or, if the preposition begins with a vowel, dar-. The resulting words are called da-compounds. Examples:

Ich habe dir gestern Geld gegeben. Was hast du schon damit (with it) gemacht?

Das Fahrrad ist schon sehr alt. Ich kann Ihnen nicht viel dafür (for it) geben.

Links siehst du einen kleinen Tisch, und darauf (on it) oder darunter (under it) liegt das Buch.

Rechts steht die Kirche und links steht die Schule, und dazwischen (between them) geht ein enger Gang.

* * * * *

Like sein, werden can be followed by a predicate nominative, e.g., Sie ist eine militärische Ärztin geworden.


 


Das Rätsel

"Da merkte er wohl, daß er zu dem Hause einer Hexe gekommen war, doch weil es finster wurde und er nicht weiter konnte, sich auch nicht fürchtete, trat er ein."
e Abreise (-n) - departure

bei Anbruch der Nacht (des Tages) - at nightfall (day- break)

anreden - address

berauben - rob

bereiten - prepare

r Biß (Bisse) - bite

brauen - brew

e Dunkelheit - darkness

festschnallen - buckle securely

geraten (ä; ie, a) in (auf) (w/ acc.) - come into (upon)

s Getränk (-e) - drink, beverage

s Gift (-e) - poison

heftig - vehement; intense

hinstürzen - fall down

e Kohle (-n) - coal

e Kunst (¨-e) - art

r Lehnstuhl (¨-e) - reclining chair

mitnehmen (nimmt mit; a, mitgenommen) - take along

r Mörder (-) - murderer

nachlaufen (äu; ie, au) (w/ dat.) - run after

spritzen - spray

r Trank (¨-e) - drink, beverage

treiben (ie, ie) - drive; practice (arts, science); carry on

umbringen (brachte um,

umgebracht) - kill

vorsichtig - cautious(ly), careful(ly)

warnen - warn

zubringen (brachte zu; zuge- bracht) - spend, pass (time)

 

Es war einmal ein Königssohn, der bekam Lust, in der Welt umherzuziehen, und nahm niemand mit als einen treuen Diener. Eines Tages geriet er in einen großen Wald, und als der Abend kam, konnte er keine Herberge finden und wußte nicht, wo er die Nacht zubringen sollte. Da sah er ein Mädchen, das nach einem kleinen Häuschen zuging, und als er näher kam, sah er, daß das Mädchen jung und schön war.

Er redete sie an und sprach: "Liebes Kind, kann ich und mein Diener in dem Häuschen für die Nacht ein Unterkommen finden?"

"Ach ja", sagte das Mädchen mit trauriger Stimme, "das könnt ihr wohl, aber ich rate euch nicht dazu; geht nicht hinein."

"Warum soll ich nicht?" fragte der Königssohn.

Das Mädchen seufzte und sprach: "Meine Stiefmutter treibt böse Künste. Sie meint's nicht gut mit den Fremden."

umherzuziehen: to rove

niemand als: no one but

Herberge: shelter

zuging: was walking

Unterkommen: lodging

Da merkte er wohl, daß er zu dem Hause einer Hexe gekommen war, doch weil es finster wurde und er nicht weiter konnte, sich auch nicht fürchtete, trat er ein. Die Alte saß auf einem Lehnstuhl beim Feuer und sah mit ihren roten Augen die Fremden an. "Guten Abend", schnarrte sie und tat ganz freundlich. "Laßt euch nieder und ruht euch aus."

Sie blies die Kohlen an, bei welchen sie in einem kleinen Topf etwas kochte. Die Tochter warnte die beiden, vorsichtig zu sein, nichts zu essen und nichts zu trinken, denn die Alte braue böse Getränke. Sie schliefen ruhig bis zum frühen Morgen. Als sie sich zur Abreise fertig machten und der Königssohn schon zu Pferde saß, sprach die Alte: "Warte einen Augenblick, ich will euch erst einen Abschiedsttrank reichen."

schnarrte: spoke with a rattling voice

tat: acted

blies an: blew on

Abschiedstrank: parting drink

 

Während sie ihn holte, ritt der Königssohn fort, und der Diener, der seinen Sattel festschnallen mußte, war allein noch zugegen, als die böse Hexe mit dem Trank kam. "Das bring deinem Herrn", sagte sie, aber in dem Augenblick sprang das Glas, und das Gift spritzte auf das Pferd, und war so heftig, daß das Tier gleich tot hinstürzte.

Der Diener lief seinem Herrn nach und erzählte ihm, was geschehen war, wollte aber den Sattel nicht im Stich lassen und lief zurück, um ihn zu holen. Wie er aber zu dem toten Pferde kam, saß schon ein Rabe darauf und fraß davon. "Wer weiß, ob wir heute noch etwas Besseres finden", sagte der Diener, tötete den Raben und nahm ihn mit.

zugegen: present

im Stich lassen: abandon

 

Nun zogen sie in dem Walde den ganzen Tag weiter, konnten aber nicht herauskommen. Bei Anbruch der Nacht fanden sie ein Wirtshaus und gingen hinein. Der Diener gab dem Wirt den Raben, den er zum Abend- essen bereiten sollte. Sie waren aber in eine Mördergrube geraten, und in der Dunkelheit kamen zwölf Mörder und wollten die Fremden umbringen und berauben.

Ehe sie sich aber ans Werk machten, setzen sie sich zu Tisch, und der Wirt und die Hexe setzten sich zu ihnen, und sie aßen zusammen eine Schüssel mit Suppe, in die das Fleisch des Raben gehackt war. Kaum aber hatten sie ein paar Bissen hinuntergeschluckt, so fielen sie alle tot nieder, denn dem Raben hatte sich das Gift vom dem Pferdefleisch mitgeteilt.

Mördergrube: murderers' den

sich ans Werk machten: began

zu ihnen: with them

gehakt: chopped

hatte sich mitgeteilt: had spread

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Wen nahm der Königssohn mit auf seinen Ritt durch die Welt?

2. Was fragte er das Mädchen, das er gegen Abend sah?

3. Wie antwortete sie auf seine Frage?

4. Warum wollte sie nicht raten, daß der Königssohn dort übernachte?

5. Warum trat er trotzdem ein?

6. Wovor warnte das Mädchen?

7. Was geschah, als die alte Hexe dem Diener ein Abschiedsgetränk für seinen Herrn reichte?

8. Was machte der Diener, als er zum toten Pferd zurückging?

9. Warum gab der Diener dem Wirt den toten Raben?

10. Warum haben die Räuber den Königssohn und seinen Diener nicht beraubt?

11. Wie war der Rabe vergiftet worden?

abreißen (i, -issen) - tear off

abschlagen (ä; u, a) - knock off; cut off (head)

aufschlagen (ä; u, a) - open; break open

ausfragen - interrogate, question

behalten (ä; ie, a) - keep

bekanntmachen - make known, disclose

sich besinnen (a, o) - reflect, consider

blenden - blind

daransetzen - wager, bet

zu Ende - over, finished

erraten (ä; ie, a) - guess (correctly); hit upon (answer)

herbeibringen (brachte herbei, herbegebracht) - bring (here, there)

e Magd (¨-e) - maid

pflegen - attend to, nurse; be accustomed to

s Rätsel (-) - puzzle; riddle

r Richter (-) - judge

e Rute (-n) - rod; switch

s Schlafgemach (¨-er) - bedroom

r Teil (-e) - part

vergiften - poison

verkündigen - announce

vorlegen - put forward, propose; present

e Weise (-n) - manner, way;

auf diese Weise - in this way

r Wirt (-e) - innkeeper; host

sich nicht zu helfen wissen (wußte, gewußt) - be at a loss what to do

Es war nun niemand mehr im Hause übrig als die Tochter des Wirts, die es redlich meinte und an den gottlosen Dingen keinen Teil genommen hatte. Sie öffnete dem Fremden alle Türen und zeigte ihm die angehäuften Schätze. Der Königssohn aber sagte, sie möchte alles behalten, er wolle nichts davon, und ritt mit seinem Diener weiter.

Nachdem sie lange hergezogen waren, kamen sie in eine Stadt, worin eine schöne aber übermütige Königstochter war. Sie hatte bekanntmachen lassen, wer ihr ein Rätsel vorlegte, das sie nicht erraten könnte, der sollte ihr Gemahl werden. Erriete sie es aber, so müßte er sich das Haupt abschlagen lassen. Drei Tage hatte sie Zeit, sich zu besinnen. Sie war aber so klug, daß sie immer die vorgelegten Rätsel vor der bestimmten Zeit erriet.

die es redlich meinte: who was sincere

möchte: should

hergezogen waren: had traveled

übermütig: arrogant

sollte: would

Erriete sie: If she guessed correctly

Schon waren neune auf diese Weise umgekommen, als der Königssohn anlangte und, von ihrer großen Schönheit geblendet, sein Leben daransetzen wollte. Da trat er vor sie hin und gab ihr sein Rätsel auf. "Was ist das", sagte er, "einer schlug keinen und schlug doch zwölfe."

Sie wußte nicht, was das war. Sie sann und sann, aber sie brachte es nicht heraus. Sie schlug ihre Rätselbücher auf, aber es stand nicht darin. Kurz, ihre Weisheit war zu Ende. Da sie sich nicht zu helfen wußte, befahl sie ihrer Magd, in das Schlafgemach des Herrn zu schleichen. Da sollte sie seine Träume behorchen, und dachte, er rede vielleicht im Schlaf und verrate das Rätsel. Aber der kluge Diener hatte sich statt des Herrn ins Bett gelegt, und als die Magd herankam, riß er ihr den Mantel ab, in den sie sich verhüllt hatte, und jagte sie mit Ruten hinaus.

In der zweiten Nacht schickte die Königstochter ihre Kammerjungfer; die sollte sehen, ob es ihr mit Horchen besser glückte, aber der Diener nahm auch ihr den Mantel weg und jagte sie mit Ruten hinaus.

schlug: killed

sann: thought

brachte es nicht heraus: didn't figure it out

behorchen: listen in on

verhüllt: wrapped up

Kammerjungfer: chambermaid

ob es...besser glückte: if she had better luck with listening

Nun glaubte der Herr für die dritte Nacht sicher zu sein und legte sich in sein Bett. Da kam die Königstochter selbst, hatte einen nebelgrauen Mantel umgetan und setzte sich neben ihn. Und als sie dachte, er schliefe und träume, so redete sie ihn an und hoffte, er werde im Traume antworten, wie viele tun. Aber er war wach und verstand und hörte alles sehr wohl.

Da fragte sie: "Einer schlug keinen, was ist das?"

Er antwortete: "Ein Rabe, der von einem toten und vergifteten Pferde fraß und davon starb."

Weiter fragte sie: "Und schlug doch zwölfe, was ist das?"

"Das sind die zwölf Mörder, die den Raben verzehrten und daran starben."

Als sie das Rätsel wußte, wollte sie sich fortschleichen, aber er hielt ihren Mantel fest, daß sie ihn zurücklassen mußte.

nebelgrau: fog gray

umgetan: put on

verzehrten: consumed

daran: from it

 

Am andern Morgen verkündigte die Königstochter, sie habe das Rätsel erraten, und ließ die zwölf Richter kommen und löste es vor ihnen. Aber der Jüngling bat sich Gehör aus und sagte: "Sie ist in der Nacht zu mir geschlichen und hat mich ausgefragt, denn sonst hätte sie es nicht erraten."

Die Richter sprachen: "Bringt uns ein Wahrzeichen."

Da wurden die drei Mäntel von dem Diener herbeigebracht, und als die Richter den nebelgrauen erblickten, den die Königstochter zu tragen pflegte, so sagten sie: "Laßt den Mantel sticken mit Gold und Silber, so wird's Euer Hochzeitsmantel sein."

bat sich Gehör aus: requested a hearing

Wahrzeichen: sign

 

Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Was machte der Königssohn mit den angehäuften Schätzen der Räuber?

2. Was hatte die Königstochter bekanntmachen lassen?

3. Wodurch hatten neun Männer schon das Leben verloren?

4. Was war das Rätsel des Königssohns?

5. Wie versuchte die Königstochter in der ersten Nacht die Lösung zu bekommen?

6. Warum gelang der erste Versuch nicht?

7. Wen schickte die Königstochter in der zweiten Nacht?

8. Was konnte diesmal der Königstochter zurückgebracht werden?

9. Wer ging in der dritten Nacht zu dem Königssohn, und was erfuhr sie dort?

10. Warum verurteilten die Richter den Königssohn nicht?

11. Was mußte die stolze Königstochter tun?

* * * * *

Worin liegt das Märchenhafte bei diesem Märchen? Wie würden Sie die Geschichte umschreiben, um sie realistisch zu machen?

* * * * *

In einigen Märchen kommt es vor, daß eine übermütige Frau die richtige Demut lernt. Inwiefern ist dieses Motiv auch im "Rätsel" vorhanden?

Getting with Grammar

For unreal conditions in present time, one needs the present subjunctive II. To form the present subjunctive II of most irregular verbs, one takes the second-last principal part (narrative past), "umlauts" if possible, and adds these endings:
ich     -e wir     -en
du     -est ihr     -et
er, sie, es     -e sie, Sie     -en
Several prepositions are possible after sterben to indicate the cause of death, but the most popular is an , e.g., sie ist an Krebs grestorben ("she died of cancer"). Vor is used when the dying is only figurative, e.g., ich sterbe vor Langeweile ("I'm dying of boredom").
Examples:

ich sähe ginge trüge riefe

du sähest gingest trügest riefest

er,sie,es sähe ginge trüge reife

wir sähen gingen trügen riefen

ihr sähet ginget trüget riefet

sie, Sie sähen gingen trügen riefen

The present subjunctive II of regular verbs is exactly the same in form as the narratrive past. Here is a conditional sentence using present subjunctive II in both clauses: Wenn ich seinen Vater hätte, wäre ich auch reich.
Thanks to http://www.german-latin-english.com/ for allowing us to use their fairy tales.